„Süsch no öppis?“ – „Nai merci, das wär alles.“ Die nette Dame beim Beck am Bahnhof Lyss händigt mir mein Znacht aus, oder besser gesagt mein Mitternachtsimbiss. Auf gehts in meine erste Nachtschicht alleine. Innerlich stelle ich mich schon auf Baustellen und Sicherheitschefs ein. Bei der Ankunft im Kommandoraum herrscht eine aufgeräumte Stimmung, haben doch einige nach langen sieben Tagen am Sonntagabend endlich frei. Müde aber erfreut begrüsst mich Celine an meinem Arbeitsplatz in der Önz. „Also folgendes,“ beginnt sie die Dienstübergabe. Auf dem Tisch liegen viele Papiere, die einige Baustellen vermuten lassen. Diese Nacht sind es sogar deren vier, in Aarburg, Rothrist, Roggwil und Langenthal. Sonst sei es aber ruhig, na wenigstens das.
Als ich mich eingerichtet und einen Überblick über den aktuellen Zugverkehr gewonnen habe, schaue ich mir die BAB’s (Betriebliche Anordnung Bau) genauer an. Sie sind alle zeitlich nacheinander auf den Zugverkehr abgestimmt. Das gilt es zuerst zu überprüfen, viele Gleise zum Fahren im Oberaargau bleiben nicht mehr übrig. Es stimmt alles und sollte nicht zu weiteren Konflikten führen. Nun muss ich die einzelnen Sperren und Fahrleitungsschaltungen anschauen und checken, wo es noch eine Sicherung braucht, das nicht aus Versehen ein Zug vor eine Baustelle fährt und nicht mehr weiterkommt. Ich bereite die Checklisten vor und versehe jede zum passenden BAB mit einem farbigen Post it und notiere mir, wann welche Sperren eingeführt werden müssen. „Dä Lehrer isch wieder do, mä gsehts“ sagt Kollege Paul beim vorbeigehen. Ich muss schmunzeln, für ihn bin ich einfah Dä Lehrer, er weiss auch nach einem Jahr meinen Namen immer noch nicht. Natürlich muss ich zwischendurch immer wieder schauen, ob meine Züge noch fahren.
Pünktlich wird jede Baustelle eingeführt und zwischendurch fahren sie in Langenthal mit einem Bagger hin und her, aber so um 01:00 kehrt auch in der Önz langsam Ruhe ein. Bald folgt der Moment, den ich fast in jeder Nacht beobachte. Es ist als würde sich ein Schleier über den Kommandoraum legen, die Gespräche verstummen fast ganz und nur noch vereinzelt klingelt ein Telefon. Die restliche Zeit bis vier Uhr kann sehr lang sein, gibt es meist nur noch wenig Verkehr. Zum Glück arbeitet diese Nacht Petra neben mir, das gibt es immer etwas zu quatschen und ich bin wieder über das Neuste BZ-Gossip upgedatet.
Auf den ersten Zug nach Hause muss ich noch eine Stunde warten, Netflix hilft mir nicht einzuschlafen. Es ist schon ein seltsames Gefühl, die missmutigen Gesichter am Montagmorgen im Zug zu sehen. Gerne würde ich ihnen entgegnen, dass ich nun Wochenende habe, aber so gemein bin ich dann doch nicht. „Süsch no öppis?“ „Nai merci“ Dieselbe Verkäuferin wie am Abend zuvor händigt mir die frischen Brötchen für das Zmorge zu Hause aus. Ich hätte schwören können, sie hat ein wenig verwirrt dreingeblickt.