Fahrtenbuch 23: Im Auge des Sturms

Ich hoffe ihr wart am 25.6. nicht in der Region Mitte mit dem Zug unterwegs..

Verspätungen und Ausfälle: Chaos am Bahnhof Olten – Mann auf Fahrleitungsmast – 20 Minuten

Ein ausserordentliches Ereignis zur Hauptverkehrszeit, und so ziemlich am dümmsten Ort für eine Klettertour an einem Fahrleitungsmasten. Die Beweggründe, die den Mann zu dieser Tat bewogen haben, werden wohl im Dunkeln bleiben. Aber warum löste diese Aktion so ein Chaos aus und warum kriegt man es nicht schneller in den Griff? Darauf versuche ich euch eine Antwort zu geben.

Erklärung 1: Der Zeitpunkt

Ob bewusst oder nicht, die Aktion startete gerade vor der „Welle“, zu dem Zeitpunkt fahren von/nach Olten die Schnellzüge in alle Himmelsrichtungen, zum Teil besetzt mit hunderten von Passagieren. Nach dem Meldungseingang wurde der Alarm Personen in Gleisnähe ausgerufen. Da zuerst der Sachverhalt nicht klar war, die Person könnte sich ja auch weiterbewegen, wurden alle Züge im Bahnhof gestoppt.

Erklärung 2: Die Fahrleitung

Der Bahnstrom wird mit 15kv und 16.7 Hertz betrieben, diese gelben Schilder hängen nicht umsonst als Warnung entlang der Bahngleise. Die Leitung muss nicht einmal berührt werden, es genügt auch ein Lichtbogen und das wars dann. Wäre die Person einfach nahe am Gleis gewesen, hätte das für ein paar Züge Fahrt auf Sicht im Bahnhof Olten bedeutet und pro Zug ca. 10 min Verspätung generiert. Somit musste aber der ganze Bahnhof Olten stromlos geschaltet werden und das Chaos nahm seinen Lauf.

Erklärung 3: Der Ripple-Effekt

Innert Kürze stauten sich nicht nur in Olten die Züge, sondern auch an den umliegenden Knoten wie Bern, Basel, Aarau bis Zürich. Aufgrund des Taktfahrplans sind genau zur selben Zeit an allen Knotenbahnhöfen die Gleise voll Ich habe an diesem Tag die Kundeninfo im Sektor Gurten (dazu später mehr) betreut und ich war permanent mit dem ADBV von Bern am Telefon, um Züge neu anzuschreiben, in andere Gleise zu verschieben, Wendungen zu überprüfen usw. Wann immer möglich wird versucht, die Züge an einem Perron warten zu lassen. So bricht der halbe schweizweite Fahrplan innert 30 Minuten zusammen.

Erklärung 4: Mangelnde Alternativen

Einzelne Linien wie Bern-Biel waren von dem Ereignis nicht betroffen, aber zum Beispiel vom Wallis/Interlaken nach Zürich gibt es keine direkte Alternative. Grosse Umleitungen via Brünig oder Luzern wären die einzige Ausweichroute. Bei fast allen anderen kommt man früher oder später wieder in Olten vorbei.

Erklärung 5: Dauer des Ereignisses

Es dauerte lange, bis die Einsatzkräfte einen Plan hatten, wie die Person von dem Mast runtergeholt werden soll. Viele meiner Kollegen hatten diverse Vorschläge eingebracht, aber wir sind ja immer noch im Kanton Solothurn und nicht in South Los Angeles. Als der Spuck nach fast einer Stunde vorbei war, musste zuerst der Strom wieder eingeschaltet werden (da konnte nicht einfach ein Schalter umgelegt werden) und nachher begann das grosse Aufräumen. Der ADBV Bern erzählte mir tags darauf, das er bis Dienstschluss noch Anrufe von der BLS und SBB bekam, die sich nach dem Verbleib ihrer Züge erkundigten oder Personal suchten.

Jeder der bei den heissen Temperaturen gestern gestrandet war und sich dabei geärgert hat, kann ich sehr gut verstehen. Die ganze BZ Mitte hat ihr möglichstes getan, um diese Störung zu beheben aber ja, für die Kunden ist es trotzdem nervig. Wir alle hoffen, das dieses Beispiel nun nicht Schule macht und hoffentlich ein Einzelfall bleibt. Dafür haben viele (ich eingeschlossen) eine epische Geschichte mehr zu erzählen.