Fahrtenbuch Teil 6: Kritisch>

Mit diesem Befehl wird im Stellwerk eine Funktion angewendet, bei der das Stellwerk eigentlich nicht einverstanden ist, weil sie dem normalen Betrieb zuwider läuft. Keine Angst, es wird nicht technisch sondern in diesem Beitrag soll es darum gehen, womit ich trotz aller Faszination und Begeisterung nicht immer glücklich bin.

1. Die Gestaltung des Unterrichts: Hier ist mein langjährig geschultes methodisches Auge nicht immer hilfreich. Leider werden in unserem Unterricht mit zwölf Schülern und meistens zwei Lehrern die paradisischen Verhältnisse nicht immer optimal ausgenutzt. Gruppenarbeiten sind an sich schon kritisch, wenn wir aber in einer Gruppe ein komplett neues Thema zum ersten Mal anschauen macht das wenig Sinn. Wie sollen wir wissen ob es richtig ist? Auch habe ich nett formuliert Fragezeichen wenn wir zu zweit am Simulator sitzen statt Halbklassen zu machen. Die meisten Instruktoren sind zwar sehr nett und fachlich sehr kompetent, aber oft auf den letzten Drücker vorbereitet. Schwellenplanung (der Lehrer überlegt sich was er heute macht wenn er über die Schwelle des Klassenzimmers schreitet) war auch für mich kein Fremdwort aber während dem Powerpoint-Folienwechsel den Inhalt aufzuarbeiten, das ist schon next Level. Gleichzeitig wird fast immer betont, wie knapp die Zeit ist und wieviel Stoff wir bearbeiten müssen. kritisch>

2. Die Arbeit im Sektor: Wie schon erwähnt sind die Intruktoren unterschiedlich motiviert uns zu instruieren, ob wohl sie vertraglich dazu verpflichtet wären. Es würde aber wenig bringen, vor allem bei alteingesessenen Bähnlern, darauf zu pochen, weil a) bin ich ein grünschnabel und b) ich nachher noch Jahre mit ihnen zusammenarbeiten muss. Es gibt immer einen Unterschied zwischen Praxis und Theorie, aber die Vorschriften werden teilweise schon sehr kreativ interpretiert. Ich habe vom Ausbilder den wertvollen Tipp bekommen, mich einfach selber zu organisieren und so habe ich statt im Sektor zu arbeiten mein Zeugs gepackt und bin lernen gegangen. Natürlich wird das Verhalten der unwilligen Instruktoren damit noch belohnt, aber ich muss sie zum Glück nicht mehr erziehen. Trotzdem kritisch>

3. Die digitale Organisation: Grundsätzlich ist es ja sehr zu begrüssen, dass alles digital ist. Grüsse gehen raus an die Stadtschulen Solothurn, die Onenote schon seit vier Jahren eingeführt haben. Ich bin sehr froh, dass ich dieses Programm schon kenne und nun für mein Lernjournal optimal nutzen kann. Keine Ordner und kein Papier rumtragen ist schon sehr praktisch. Leider sind wir einer der ersten Jahrgänge die so arbeiten, dementsprechend muss alles in verschiedenen Ordner zusammengesucht werden. Es gibt zwar einen Abschnitt Hausaufgaben, die können aber auch in den einzelnen Modulen versteckt sein und man entdeckt sie erst, wenn es schon zu spät ist. kritisch>

4. Die schöne Verpackung oder Rebeka lässt grüssen: Wie Josef Hader treffend formuliert hat, vieles sieht im Prospekt immer schöner aus, die Akropolis, die Mona Lisa und das Leben im allgemeinen. So ist es auch mit der ZVL Ausbildung. Es ist strenger, aufwändiger und emotional eine grössere Herausforderunn als ich zuerst angenommen habe. Meine Freizeit schmilzt wie ein Schneemann im Frühling (was sicher auch den Umständen geschuldet ist das ich nicht mehr Teilzeit arbeite, aber nicht nur) und am Abend fallen mir die Augen zu beim Serie schauen. Das ist mir vorher nie passiert. Den passenden Rythmus habe ich noch nicht gefunden. Übrigens hat Rebeka tatsächlich in der BZ Mitte gearbeitet, sie hat aber schon seit ein paar Jahren einen neuen Job ausserhalb der SBB. >kritisch

Trotz aller Challenges, wisst ihr, welcher Befehl meistens auf kritisch> folgt? BAR.

Das ist doch eine Perspektive!

Fahrtenbuch Teil 5: Was machst du eigentlich genau?

Diese Frage folgt meist auf die Frage aus Teil 4. So grob habe ich es den meisten schon einmal erklärt, aber was es denn nun genau heisst und warum es schwieriger ist als es auf den ersten Blick vielleicht aussieht erläutere ich am besten einmal an einem Beispiel. Ich hoffe es ist verständlich. Dieses hatte ich gerade heute im Simulator (ich habe es übrigens erst im 3. Anlauf fehlerfrei gemeistert). Wir haben hier den Bahnhof Nieder-Oberurnen (NOU) im Glarnerland. Er hat verschiedene Schwierigkeiten auf seinen wenigen Geleisen vereint, aber das Nervigste an NOU ist, das er keine Zwersignale hat. Diese erleichtern das rangieren ungemein, weil mit ihnen können einfache Rangierwege an den Hauptsignalen vorbei gezogen werden und sie stellen automatisch die Weichen richtig ein.

Ein Zwergsignal (pixabay.com)

Nicht so in NOU, hier wird eine einfache Aufgabe die zum Beispiel in Solothurn mit ein paar Klicks erledigt ist zu einer wahren Herausforderung. Die Aufgabe ist folgende:

In Gleis 2 steht eine Rangierlok mit 3 Wagen. Nun will die Lok die Wagen in Richtung Ziegelbrücke ZB einmal umfahren um anschliessend in Richtung Näfels NAEF wieder an die Wagen dranzufahren

1. Ich muss den automatischen Betrieb (AB) ausschalten, da es sich um ein Relais-Stellwerk aus dem Jahr 1969 (ja tatsächlich 1969!) handelt. So kann mir keine normale Zugfahrstrasse zum Beispiel von der S-Bahn automatisch in meinen Bahnhof in Gleis 3 stellen. Das würde alle Weichen wieder umstellen und könnte im dümmsten Moment zu einer Entgleisung führen.

2. Die zweite Hürde ist der Funk, normalerweise quittiere ich jeden Funkspruch als Kontrolle, das gilt als Zustimmung und ich stelle den Rangierweg ein. Nicht in NOU, hier ist das verboten! Der Rangierchef verlangt: In NOU möchte ich von Gleis 2 Richtung ZB einmal umfahren. Ich muss sagen: Verstanden, warten. Wenn ich den Wunsch des Rangierleiters einfach quittiert hätte: durchgefallen.

3. Ich muss ich alles von Hand einstellen, die Weichen, den Bahnübergang (sehr wichtig, geht oft vergessen!) Dann funke ich wieder zurück: In NOU vom Gleis 2 ins 23 ist eingestellt. Ihr habt vielleicht bemerkt, das er erst einen Teil seiner verlangten Strecke fahren kann. Was bei einem anderen Bahnhof mit Speicher geht, kann ich hier nicht machen, sondern das Ganze wiederholt sich noch zwei mal (Bahnübergang!) bis es geschafft ist. Endlich ist die Lok am richtigen Ende. Aber die Aufgabe noch nicht.

4. Den automatischen Betrieb kann ich erst wieder einschalten, wenn der Rangierzug aus NOU verschwunden ist. Bis dahin muss ich alle S-Bahnen die auf Gleis 3 verkehren von Hand durchstellen, ja nicht vergessen (ich habe noch fünf andere Bahnhöfe zum überwachen) sonst gibt es Verspätungen. Dabei muss ich unbedingt beachten, das der Rangierzug Stillstand hat (was ich per Funk nachfragen muss), sonst könnte er die S-Bahnen gefährden, da er keine Zwergsignale hat. Die grösste Falle (in die ich 2x getappt bin) lauert also am Schluss.

Sollte ich die Prüfung bestehen werde ich NOU einmal einen Besuch abstatten und ihm den Finger zeigen, oder zwei.

Fahrtenbuch Teil 4: Die Lieblingsfrage

„Bereust du es schon?“ Spätestens als Zweites wird mir diese Frage gestellt. Meine Antwort darauf ist immer noch: „Nein.“ Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Grundsätzlich möchte ich im Moment wirklich nichts anderes machen, aber die Herausforderung ist doch grösser als ich zuerst angenommen habe. „Tut dir ja gut, dann kommst du ein wenig aus deiner Komfortzone!“ Ein wenig ist gut.. Vor jedem Sektortag (wenn ich jeweils mit einem Instruktor „richtig“ zusammen arbeite) fühle ich mich wie vor einem Bewerbungsgespräch. Meistens ist es eine neue Person die mich instruiert, und sie sind (nett ausgedrückt) unterschiedlich motiviert dir etwas beizubringen. Das geht von „Willkommen im Sektor Mittelland, cool bist du da!“ bis „Was willst du jetzt auch noch hier? Für dich habe ich jetzt gar keine Zeit!“ Wie ihr seht ist die Kommunikation meistens ziemlich straight forward, was in diesem Beruf ja auch Sinn macht. Für mich ist es ein ziemliches Umgewöhnen nach zwanzig Jahren pädagogisch politisch korrekt verpackten Konversationen (die übrigens genau so unter die Gürtellinie zielen können, aber einfach viel netter klingen). Aber trotz allem werde ich in kleinen Schritten immer sicherer, auch wenn es immer noch so viele Details gibt, an die man denken muss. Immer top konzentriert sein und auch wenn es hektisch wird den Überblick behalten, das ist eine rechte Challenge. Langsam dämmert es mir, warum ich am Schnuppertag nur mit einem Lehrling im Simulator war und nicht zur Rushhour im Sektor Mittelland. Ich hoffe jedenfalls, das ich in diese Aufgabe hineinwachse. Trotz allem versuche ich, es zwischendurch auch zu geniessen und mir nicht zuviel Druck zu machen. Selbst wenn es am Schluss nicht klappen sollte, waren es zumindest spannende acht Monate, die ich nicht bereut habe.

Prellbock Teil 4:

Dinge aus meinem alten Beruf die ich höchstwahrscheinlich nie mehr machen werde Teil 4:

An Sitzungen 60 Minuten über Maskenpflicht diskutieren die ohnehin vom Kanton vorgegeben ist / Das Gejammer der Handarbeitslehrerin ertragen, weil die Jugendlichen von heute nicht mehr selbstständig Socken stopfen können / zum 100sten Mal am Freitagabend Zimmer abschliessen die eigentlich verschlossen sein sollten / Mit einer ganzen Schulklasse durch den Zürich HB auf den Zug rennen / Fahrgäste im reservierten Abteil verscheuchen / Flipcharts malen für eine Gruppenarbeit zur neuen Beurteilung / Gestohlene Velos, Handys, Rucksäcke und Portemonnaies der Polizei melden / Übersehene Spickzettel nach der Lektion einsammeln und merken das sie nicht korrekt waren / Oben an der roten Skipiste erfahren, dass die zwei Albaner doch nicht skifahren können wie von den Eltern versprochen / Feststellen das der Notvorrat an Berliner Luft nicht aufgefüllt wurde

Aber auch: Kein Football Wochenende in London mehr mit einem Arbeitskollegen