Fahrtenbuch Teil 7: An der langen Leine

„Hallo, nimm gerade Platz!“ verwirrt verneine ich die Aufforderung des Kollegen. Verwirrt darum, weil verschiedene Dinge nicht sind wie sie sein sollten. Es ist mein vierter Tag in Serie derselben Schicht im Abschnitt Gäu/Weissenstein. Normalerweise ist nur ein Arbeitsplatz online weil beide Bereiche zusammengefasst sind, aber nun laufen beide separat. Am meisten aus dem Konzept bringt mich der Arbeitsplatz mit nur einem Stuhl, arbeite ich doch immer mit einer Begleitung neben mir. „Ähmm das ist ein Missverständnis, ich bin erst seit Oktober hier und kann noch nicht alleine arbeiten weil ich…“ – „Ja so lernst du es, du nimmst das Gäu und ich Weissenstein, keine Bange ich höre immer noch zu wenn etwas ist.“ erwiedert Instruktor Dario. Er steckt das längere Telefonkabel ein und zieht es bis zu seinem Arbeitsplatz. „Was machst du denn da?“ versucht abermals mein Verstand einzuwenden. Zu spät. „Du kannst das, du wirst sehen es macht sogar Spass“, sagt Celine die neben mir im Önz sitzt. Es ist allgemein schwierig, einer Frau zu widersprechen und so bete ich zu jedem (oder jeder) der zuhört, dass sie recht hat.

Nachdem ich die anfängliche Nervosität überwunden habe merke ich, dass ich mich schon besser zurecht finde als Anfangs Woche. Ich muss nicht mehr alle Gleise aufschreiben sondern kann zuerst mal zuhören und muss nur das Nötigste notieren. Trotz der Kälte und Regen sind sämtliche Rangierleiter heute Abend bester Laune und als ob sie es wüssten, sind sie besonders nett zu mir. Sie sprechen langsam und deutlich und müssen sich nur zwei mal wiederholen. „Kann ich den schicken?“ frage ich Dario als ein Rangier in Oensingen einmal quer über den Bahnhof möchte. „Das kannst du entscheiden.“ Lange überlegen ist meistens nicht drin, so werfe ich innerlich eine Münze und stelle die Fahrstrasse ein. Es reicht locker und ich bin froh den IC5 nicht ausgebremst zu haben. Dario hat bei mir exakt die Schwelle zwischen Unter- und Überforderung gefunden und so werden es die intensivsten, aber auch besten Stunden im Sektor. Ich bemerke erst, dass die Schicht zu Ende ist als die Ablösung kommt.

Auf dem Nachhauseweg kommt mir eine Vorlesung aus meinem nicht sehr erfolgreichen Psychologiestudium in den Sinn. Die Theorie des Flow von Mihaly Csikzentmihalyi. Er interviewte Sportler, Künstler, Denker und fragte sie zu Beginn immer diesselbe Einstiegsfrage: „Was erlebst du wenn es wirklich gut läuft?“ Seine Vermutung war, das die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen würden, aber er irrte sich. Der Inhalt der Antworten folgte einem Muster. Die Probanden beschrieben ein Erleben, in dem man voll in dem aufgeht, was man gerade tut. Ein reizvoller Zustand, in dem das Handeln selbst motiviert — und die Belohnung danach keine Rolle spielt. (Quelle nowtation.com) Danke Dario für mein Flow-Erlebnis!

Flow Theorie

Ein Kommentar zu „Fahrtenbuch Teil 7: An der langen Leine

  1. „Freude entsteht an der Grenze zwischen Langeweile und Anspannung. Dort, wo Herausforderung und Handlungsfähigkeit im Gleichgewicht sind.“ — Mihály Csíkszentmihályi

    I hoffä du chasch viu witeri söttigo Freud machändi Täg erläbä :D.

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