Fahrbereitschaft Teil 6: Schichtende absehbar

Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl, wenn ihr innerlich schon mit etwas abgeschlossen habt, aber trotzdem noch die Contenance bewahren müsst? So erging es mir in den letzten sechs Monaten an meiner alten Arbeitsstelle in Solothurn. Plötzlich waren Fragen wie: Wann schicke ich meine Kündigung ab? Welche Bücher gehören mir? Wo war schon wieder der geheime Whisky-Vorrat? viel wichtiger als das Tagesgeschäft. Zur ersten Frage habe ich lange hin und her überlegt. Schlussendlich entschied ich spontan am Montag nach der Vertragsunterzeichnung das Team in der 10i Pause zu informieren. Präventiv habe ich drei Kollegen schon vorgewarnt, da ihre weitere Lebensplanung von meinem Entscheid eventuell tangiert werden könnte. Sie waren zwar traurig (oder haben wenigstens so getan), aber haben sich von meiner beruflichen Neuausrichtung nicht beirren lassen. Richtig so. Der Rest des Teams war ziemlich überrascht, ihre Reaktionen verursachten dann doch ein schlechtes Gewissen bei mir. Zum Glück gingen mit Yussuf und Boran in der folgenden Lektion dermassen auf den Sack, dass es schnell wieder verflog. Zwischendurch fiel es mir wirklich schwer, mich noch zu motivieren. Die Kaffepausen dauerten zugegebenermassen immer wie länger, dafür nahm ich es meist ein wenig relaxter. Davon profitierten Yussuf und Boran wiederum. Obwohl ich immer noch auf ihr Abschlussprotokoll der Projektarbeit warte…

Mein ursprünglicher Plan wäre es gewesen, mich von August bis Oktober hauptsächlich der Verbesserung meiner feinmotorischen Fähigkeiten zu widmen. Leider wurde dieser Plan von der Belegschaft des Dammwegs 36 und unserem Budget einstimmig verworfen. So machte ich mich auf die Suche nach einem Stellvertretungsjob. Da bemerkte ich schnell, dass der Wind sich gedreht hat. Musste ich bisher dutzende Bewerbungen schreiben, hoffen und bangen, konnte ich nun aussuchen wo ich arbeiten wollte. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich hätte sogar eine Stelle in einer Klasse zur besonderen Förderung an der Unterstufe bekommen, obwohl ich davon keine Ahnung habe und das beim Gespräch auch erwähnte. Interessant war auch ein Schulleiter, der sich erst nach einer Woche bei mir meldete und es sehr bedauerte, dass ich schon eine Stelle gefunden hatte. Am nächsten Tag las ich exakt von ihm ein Interview in der Zeitung, wo er sich über den Lehrermangel beklagte. Kritisch BAZ. Anscheinend weht der neue WInd noch nicht in allen Lehrerzimmern. In Kirchberg fand ich schlussendlich eine passende Stellvertretung und traf dort sehr nette und hilfsbereite Leute an. Eine gute Wahl, im wahrsten Sinne des Wortes.

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