Schnipsel: Teamsitzung Variante Lehrerzimmer

Willst du nicht wieder zurück? Warum verzichtest du auf so viele Ferien? Sie suchen doch überall Lehrer? Diese Fragen werden mir zwischendurch von meinen Kollegen*Innen gestellt. Ich weiss nie so genau, wie diese Fragen gemeint sind. Ist es eine passiv aggressive Kritik an meiner Arbeit oder eine echte Sorge um die Zukunft unseres Bildungssystems? Wie dem auch sei, meine Antwort lautet (bis jetzt) immer nein. Ich sei schon längst nicht mehr Lehrerzimmerkompatibel, meint meine Frau. Dem kann ich ihr nur zustimmen. Am Beispiel einer Teamsitzung kann ich das perfekt illustrieren. Der erste Ausschnitt (aus Platzgründen stark gekürzt) ist aus dem Lehrerzimmer Hermrigen-Merzligen (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen könnten unter Umständen zutreffen). Das Traktandum 2 ist die Planung des Schulabschlussfestes vor den Sommerferien.

Gisela (Schulleitung): Also in einem Monat steht der Schulschluss an, wir haben noch viel zu planen und zu organisieren, und es braucht alle, damit der Abend ein Erfolg wird.

Rüdiger: Warum mache mer ned s’Gleiche wiä letschts Johr?

Gisela: Das ist eben schwierig.

Ich: Könnte mer wenigschtens d’Ressorts verteile?

Hanspeter: Ned so tief Rüdiger, ned so tief. Also wir sind erst bei der Begrüssung. Das kommt nachher.

Gisela: Danke Hanspeter für den wertvollen Hinweis. Als Einstieg machen wir eine kurze Befindlichkeitsrunde (spannt einen Wollknäuel nach links).

Elsbeth: Also ich finde es eine Sauerei, das die Names-Klämmerli für die Finken nicht aus 100% abbaubarem Material gefertigt sind, immer dieses Chemiezeugs. Früher haben wir die Klämmerli noch selber gemacht, aber das lernt man ja heute nicht mehr.

Gisela: Ich spüre da viele negative Schwingungen und es scheint ein wichtiges Anliegen zu sein. Was ist deine Meinung zu den Klämmerli Hanspeter?

Hanspeter: Es ist daneben, das wir jetzt wieder um so Details kümmern müssen. Wir haben jetzt wirklich Wichtigeres zu tun. Wann unternimmt der Lehrerverband endlich etwas gegen die kapitalistischen Werbungen vor den Youtubevideos? Die Amerikanisierung unserer Schüler*innen muss gestoppt werden! (tippt auf seinem I-Phone).

Elsbeth: Immer du Hansjürg mit deinem patriarchalischen Ansprüchen. Mich verletzt es, dass meine Argumente hier nicht ernst genommen werden (wirft den Wollknäuel in Richtung Hansjürg, verfehlt ihn, trifft jedoch seinen Kaffee der sich über sein I-Pad ergiesst)

Hanspeter: Unsere Elsbeth, genau wie dein Hauswirtschaftsfach zu nichts zu gebrauchen.(Elsbeth verlässt weinend das Lehrerzimmer)

Gisela: Das war jetzt vielleicht ein wenig respektlos Hanspeter, wie du über das Hauswirtschaftsfach hergezogen bist. Aber das soll keine Kritik sein, nimm es als Anregung mit auf deinen Weg. Wie geht es dir Arjeta? (wirft ihr einen imaginären Wollknäuel zu)

Arjeta: (trägt Kopfhörer, schaut sich gebannt Tik-Tok Videos auf ihrem Handy an, würdigt Gisela keines Blickes)

Gisela: Gut, ich werte das mal als eine positive Rückmeldung.

[…] 30 min später

Gisela: Gut, kommen wir nun zum Traktandum 2, Schulabschlussfest. Anne-Marie, wie sieht es mit der Verpflegung aus?

Anne-Marie: (erwacht aus dem Tiefschlaf) Was?

Gisela: Die Verpflegung, Anne-Marie.

Anne-Marie: Ah ja Entschuldigung. Gerade heute ist mir aufgefallen, das beim Brezelkönig die normalen Brezel jetzt 2.30 kosten, das sind 10% mehr, obwohl die aktuelle Inflation in der Schweiz nur 2,3% beträgt. Das finde ich schon noch eine grosse Herausforderung, gerade für bildungsferne und einkommensschwache Familien.

Gisela: Wir wollten eigentlich den Schulabschluss planen, aber danke vielmals für diesen wertvollen Input. Das ist auch eines meiner Ziele als Schulleiterin, den Horizont unseres Lehrerteams laufend zu erweitern.

[…] 2h später (Rüdiger hat unterdessen seine Kündigung verfasst, ist zur Post gelaufen, hat sie eingeschrieben aufgegeben und seine Terrasse mit dem Kärcher gereinigt)

Gisela: Gut wir haben einiges geschafft, wir sind nicht ganz zum Traktandum 2 gekommen, aber es war ein wertvoller Austausch. An der morgigen Sitzung werden wir dann sicher ein wenig konkreter. Kommen wir noch zu Varia…

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Fahrtenbuch 22: Griechisch lernen

Die wenigsten von uns mögen sich noch daran erinnern, wie schwierig es war, die deutsche Sprache und unser Alphabet zu erlernen. Meine Frau könnte darüber genauer Auskunft geben, wieviel mühsame Kleinarbeit das benötigt, das jemandem beizubringen. Nun stellt euch vor, ihr müsst es nochmals von Grund auf lernen. Nach einem Jahr habt ihr es einigermassen im Griff, kennt die wichtigsten Regeln, die Buchstaben und könnt euch angemessen verständigen. Gerade als es anfängt auch Spass zu machen, kommt die Lehrperson und sagt: So, ab heute lernen wir Griechisch.

Ähnlich ging es mir seit Anfangs Mai, meine Instruktion für den Bahnhof Olten (Knoten) hat begonnen. Die Basics des Stellwerkes sind mehrheitlich diesselben, und die Prozesse und Vorschriften auch. Es gibt ein paar Besonderheiten, da das Stellwerk Olten aus dem Jahr 1967 ist, aber α β γ alpha beta gamma kenne ich schon. Der Zugverkehr und die dutzenden von möglichen Fahrwegen waren dann aber ζ η θ (wer kennt die Buchstaben ohne zu spicken?) Zuerst musste ich auch mal verarbeiten, dass ich (fast) wieder von Vorne beginnen muss. Das braucht viel Energie und Konzentration, zurücklehnen gibt es selten. Es kommen dauernd Züge von vier Seiten, und alle müssen über die zwölf Gleise im Bahnhof Olten. Das raubt mir ehrlich gesagt ziemlich Energie, vor allem kratzt es auch ein wenig an meinem Ego, wieder als Anfänger Platz zu nehmen. Aber wenigstens ist Olten vorerst einmal die letzte Herausforderung. Immerhin, es scheint, dass ich meinen Störungsblitz losgeworden bin. αυτό θα είναι μια χαρά.

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In eigener Sache

Sicher habt ihr schon das neue tolle Logo auf unserem Blog entdeckt, das sehr passende Design hat Noël entworfen. Aber das ist nicht das Einzige, das sich auf Weichenherz verändert. Neu ist Noël nicht nur Chefdesigner, sondern offizieller Co-Autor. Die Ausrichtung des Blogs wird offener und geht um Spannendes, Amüsantes und Interessantes aus der Bahnwelt, nicht nur aus der Fahrdienst-Perspektive. Dazu gehören auch Reiseberichte und in naher Zukunft auch eigens erstellte Videobeiträge zum Thema. Wir wünschen weiterhin viel Spass beim Lesen und ein grosses Merci für eure Kommentare und das Begleiten in unserem Berufsalltag auf und neben der Schiene.

Noël & Dave

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