Fahrtenbuch Teil 21: X-Faktor

Wiederum präsentiere ich euch drei Geschichten aus meinem Berufsalltag, welche stimmt nicht? Schreibt es in die Kommentare.

Im Winterschlaf

Im Intercity aus Lugano läuft der Lokführer zur letzten Kontrolle durch den Zug, dabei findet er ein Päärchen, das friedlich und tief, wahrscheinlich vom Jet Lag, eingeschlafen ist. Mehrmalige Weckversuche sind nicht erfolgreich. Schlussendlich muss die gerufene Stadtpolizei die beiden aufwecken und aus dem Zug bugsieren.

Dringender Termin

Ein Lokführer eines verspäteten Güterzuges ruft mich an und bittet mich, ihn möglichst schnell durchzulassen, weil er einen dringenden Termin in Spiez habe. Seine Frau sei kurz vor dem Gebähren. Nach kurzer Rücksprache mit dem Disponenten wird aus seiner Komposition ein Bling-Bling Zug (Prio-Zug), und sogar der Interregio wird ausgebremst, so dass er ungehindert weiterfahren kann. Als kleine Gegenleistung hätten wir uns über eine Geburtsanzeige gefreut.

Verwechslungsgefahr

Die Kantonspolizei meldet von einem Spaziergänger, das ein Auto auf dem Bahnübergang in Richtung Wanzwil steht. Schnelles Handeln ist gefragt, damit nicht noch weitere Komplikationen entstehen. Als der Lokführer eine örtliche Kontrolle durchführt, entpuppt sich das Auto als verirrte Ziege, die gemütlich auf den Schienen liegt. An den Spaziergänger: Was auch immer du nimmst, nimm weniger davon.

Fahrtenbuch Special: Ein fahrdienstlicher Albtraum, aber pädagogisch wertvoll

Im Zyklus der Unterstufe am Schulhaus Grentschel ist heute Der kleine Nachtexpress eingeplant. Da es grosses Potential für einen Projektmorgen birgt, ist es mittlerweile ein fester Bestandteil der Jahresplanung meiner Frau. Ebenso grosses Potential besitzt dieses Buch, die Fachkräfte von morgen mit fahrdienstlichen Tätigkeiten in Berührung kommen zu lassen. Diese Chance lasse ich mir nicht entgehen, frei nach dem Motto Wenn schon dann schon wurde kurzerhand Opas LGB von unserem Garten ins Klassenzimmer transferiert, inklusiv Signale und Zugpersonal Ausrüstung. Was bei der Planung nach einem ausgereiften Vorhaben aussah, entpuppte sich bei der Durchführung als fahrdienstlicher Albtraum, wie die folgende Chronik der Ereignisse dokumentiert.

  • Nachtexpress (NEX) 1 fährt pünktlich ab. Doch schon nach der ersten Kurve bleibt der Zug aufgrund einer GFM Störung stehen, der Fachdienst kann die Störung jedoch umgehend beheben.
  • NEX 2 produziert kurz nach der Abfahrt beim Hauptsignal N19 einen Signalfall. Das Signal wird um ca. 15 cm überfahren. Keine Zugsgefährdung. Die Vorgesetzte des Lokführers entscheidet jedoch, das der Lokführer in der Lage ist, weiterzufahren. Bei diesem Entscheid hege ich grosse Zweifel. Kurz darauf werden sie leider bestätigt, da auch das nächste Hauptsignal W78 um 10 cm überfahren wird. Keine Zugsgefährdung.
  • Allgemein fällt mir auf, das die Abfahrtskelle selten FDV-konform geschwungen wird, zuweilen auch bevor das Signal auf grün gestellt ist. Hier sind sicher noch weitere Instruktionen für das Zugpersonal nötig.
  • NEX 3 fährt ohne eine Billetkontrolle los, dabei ist gerade der Nachtexpress auf jeden Franken angewiesen, sind die Personalkosten (für jede Fahrt müssen neue Fachkräfte instruiert werden) nicht unerheblich. Wenigstens wird nun korrekt vor dem Signal angehalten.
  • NEX 4 handelt sich viele Verspätungsminuten ein, da der Verlad von Tieren viel Zeit in Anspruch nimmt. Der Postwagen wird kurzerhand für die Pferdefamilie reserviert, was logistisch für das Zugpersonal eine grosse Herausforderung darstellt. Weil die Lok mittlerweile von einem blauen Elefanten gesteuert wird, ist die Verspätung kaum mehr aufzuholen. Aufgrund der 10i Pause sollte der nächste Umlauf aber wieder pünktlich verkehren können.
  • NEX 5 entgleist beim Ablad von Baumaterial, da die Arbeiter unvorsichtig zu Werke gehen. Zum Glück ist niemand verletzt und auch der Zug scheint intakt zu sein. Das stellt sich leider kurz darauf als Fehleinschätzung heraus, da sich auf den ersten Zentimetern eine Zugstrennung ereignet. Kein Gefahrengut betroffen. Gleis noch fahrbar.
  • NEX 6 muss unterwegs einen Notstopp einlegen, da drei Schweine auf dem Dach des Schlafwagens mitfahren. Nach einer Verlegung in den Postwagen kann der Zug weiterfahren. Lego Bauarbeiter Fred hat mittlerweile die Steuerung der Lok übernommen und kann die Verspätung wieder aufholen.
  • NEX 7 muss die gesamte Strecke mit Fahrt auf Sicht absolvieren, da gegen Ende des Morgens immer mehr Bauten der Schulklasse das Trassee säumen, und dementsprechend sich viele Personen in Gleisnähe aufhalten. Durch einen Arbeiter wird die Verbindung zum Stellwerk unterbrochen, der Fachdienst ist aber schnell vor Ort und kann die Kabel neu verbinden. Es ist kein Ausfallkonzept nötig, mit Einzelmassnahmen konnten die Verspätungen aufgefangen werden.

11:10 fährt NEX 7 in seinen Zielbahnhof ein und meine intensivste und verrückteste Schicht ist endlich zu Ende.

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Schnipsel Schichtarbeit

10 Dinge, die du während einer normalen Arbeitswoche nur beim Schichtarbeiten erleben kannst:

  1. Die Zeitumstellung live erleben
  2. Mit Svea an einem random Mittwoch nach Stuttgart Käsespätzle essen gehen und die Staatsgalerie besuchen
  3. Warme Brötchen der Familie zum Zmorgen mitbringen
  4. Auf der leeren A1 nach Hause düsen
  5. Frühmorgens am Sonntag den letzten Nachtschwärmern begegnen
  6. Ins Bett gehen wenn die Vögel beginnen zu pfeifen
  7. Mit Hausfrauen, Müttern und Rentnern einkaufen
  8. Ein Paket beim 24h Automat um vier Uhr morgens abholen
  9. Mit Noel einen Mitternachtssnack kochen
  10. Überall und jederzeit einschlafen können

Hier noch ein interessanter Artikel zum Thema: Schichtarbeit (srf.ch)

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Fahrtenbuch 20: Störungen im Bahnverkehr Teil 1

„Letzte Woche hatte mein Zug acht Minuten Verspätung, wegen Störungen im Bahnverkehr, Immer dieselbe Ausrede! Es kommt ihnen einfach nichts besseres in den Sinn!“ Tja das stimmt nicht so ganz. Natürlich könnte auf dem Anzeiger in der Unterführung auch stehen: „Verspätungen infolge einer nicht rückstellbaren Isolierung auf der Flankenschutzweiche 34 in Aarburg, es muss mit Sammelformular 1 Vorbeifahrt am geschlossenen Hauptsignal gefahren werden.“ Aber würde das helfen? Um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, folgt hier eine nicht abgeschlossene Auflistung von Störungen, die ich seit Juni live an meinem Arbeitsplatz erlebt habe. Dazu eine kurze Beschreibung und die ungefähre Anzahl an Verspätungsminuten, die daraus resultieren können. Dann könnt ihr beim nächsten Mal, wenn sich Gisela und Hanspeter wieder lautstark in eurem Abteil aufregen, mit Insiderwissen angeben.

Lampenstörung an einem Hauptsignal: Je nachdem welche Lampen defekt sind kann die Zugfahrstrasse noch eingestellt werden oder nicht. Alle Lampen haben eine Ersatzbirne. Wenn die auch kauptt ist, wirds kritisch. (0-15 min)

Lampenstörung am Zwergsignal: Es kommt drauf an welche Lampe defekt ist. Vor einem unklaren Signalbild muss der Lokführer anhalten, wir geben ihm mündlich den Befehl zur Weiterfahrt, wenn der Fahrweg gesichert ist. (0-5 min)

Signalabsturz: Bei neueren Stellwerken kann die Elektronik des Signals aussteigen, es kann noch versucht werden,es mit dem Befehl SAUF (bester Befehl ever) wieder hochzufahren. Wenn das nicht geht, muss der Zug umgeleitet werden und das Stellwerk braucht einen Reset. (1-20 min)

Weichenstörung: Weiche ist eingefroren, ein Gegenstand blockiert die Weiche, Motor ist defekt, das Weichenherz hat einen Riss, die Möglichkeiten sind vielfältig. (5min bis Totalunterbruch)

GFM Störung: Nach dem letzen Bericht von Noël wisst ihr nun Bescheid. Glück im Unglück, wenn es ein Achszähler ist, der ist rückstellbar. Pech wenn es eine Isolierung ist, dann ist Sense. (10min – Einspur – Totalunterbruch)

Gestörter Bahnübergang: Die Holmen können defekt sein (Motor) oder sie wurden von einem Auto abrasiert, auch hier gibt es viele Varianten. Entscheidend ist, was es für eine Art von Bahnübergang es ist, d.h. welche Notbedienungen er zulässt, was mehr oder weniger Zeit kostet. (0-10 min) Übringens, als Autofahrer sind immer die Blinklichter entscheidend.

Fahrtenbuch Teil 19: X-Factor

Unsere Hauptansprechpartner sind die Lokführer. Meistens kommen wir sehr gut miteinander aus, brauchen wir uns doch gegenseitig für einen stabilen Zugverkehr. Zwischendurch gibt es aber auch ein bisschen beef, wie meine jüngste Tochter sagen würde. Manchmal zu recht und manchmal auch nicht. In dieser Ausgabe von X-Factor geht es um die Könige der Schiene, wie sie von uns zwischendurch mit einem Augenzwinkern genannt werden. Was denkt ihr, welche Geschichte stimmt nicht? Schreibt es in die Kommentare.

Der Jäger des verlorenen Zuges

Seit fünf Minuten sollte ein Zug in Basel aus dem Abstellgleis aufgestellt werden. Nach mehrmaligem Versuchen erreicht der Kollege aus der Birs den Lf am Handy. „Du solltest den Zug aufstellen, hast du eine Türstörung oder so?“ – „Ich finde den Zug nicht..“ Die S3 fiel an diesem Morgen aus.

Fahrrad inklusive

Lokführerwechsel eines Güterzuges in Langenthal. Normalerweise eine Sache von ein paar wenigen Minuten. Nach fünf Minuten hat sich der neue Lokführer immer noch nicht fahrbereit gemolden. Wenigstens kommt der nächste Zug hinter ihm erst in zehn Minuten. Als er sich meldet, frage ich nach, was so lange gedauert hat. „Ich musste noch mein Fahrrad einladen.“ Ich habe darauf verzichtet zu fragen, wie das physikalisch möglich sei.

Schreibzeug vergessen

Weichenstörung bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof in Luzern. Das Signal kann nur mit einer Notbedienung auf Fahrt gestellt werden, dazu braucht es ein Sammelformular (siehe hier), das der Lf normalerweise immer dabei hat. Zumindest sollte er vor der Abfahrt überprüfen, ob es vorhanden ist. Diesmal war das nicht der Fall, so konnte der Zug erst abfahren, als die Störung behoben war. Ein Kollege hat ihm netterweise beim nächsten Bahnhof einen neuen Block Formulare übergeben.

Fahrtenbuch 18: Aller Anfang ist schwer..

„In jedem Anfang steckt ein Zauber“ (Hermann Hesse). Mit diesem Spruch wird man oft zu Beginn eines neuen Schuljahres von der Rektorin oder dem Rektor begrüsst. Auch mir wurde per Whatsapp zu meinem ersten Arbeitstag dieser Spruch zugeschickt. Was für den Schuljahresbeginn zählt, stimmt meiner bescheidenen Erfahrung nach für den Fahrdienst nicht zwingend. Ich würde eher sagen: Aller Anfang ist schwer! Ist ja normal, gehört dazu, du kommst schon rein, es braucht seine Zeit. Aber das es zuweilen so anstrengend ist, hätte ich nicht gedacht.

Immer wenn ich denke, doch langsam kommt es, gibt es eine neue Situation, die ich nicht kenne oder wo ich nicht wirklich eine Ahnung habe, wie dieses Problem zu lösen ist. Oder Grossbaustellen wie der Bahnhof Langenthal. Fast wöchentlich ändert sich etwas, ein neues Gleis ist gesperrt, ein neuer Fahrweg der nicht mehr geht oder eine neue Dokumentation wurde erstellt. Mein Arbeitsplatz ist zuweilen von Papier und Checklisten zugedeckt:

Für offizielle Änderungen gibt es ein spezielles Formular und die sind auch online abgelegt, dass die wirklich wichtigen Dinge nicht vergessen gehen. Schwierig wird es, wenn der Fahrdienst auf dem neusten Stand ist, die anderen Beteiligten wie zum Beispiel das Rangier oder der Sicherheitschef nicht. So kann eine einfache Rangierfahrt auch mal 20 Minuten in Anspruch nehmen. Das ist viel Zeit, die ich nicht immer habe aber wenn dadurch eine unsichere Situation vermieden werden kann lohnt es sich, sie zu investieren. Zum Glück ist meistens jemand im Sektor, der kompetent Auskunft geben kann. Nur einmal hatte ich eine Störungsmeldung, die nicht einmal der Ober-Baba vom Kommandoraum und die ILTIS Superuserin kannte. Aber sie wussten wo nachschlagen. Ich habe mir von dieser Seite ein Lesezeichen gemacht, anscheinend werde ich sie noch brauchen.

Fahrtenbuch 17: Nachtschicht Reportage

„Süsch no öppis?“ – „Nai merci, das wär alles.“ Die nette Dame beim Beck am Bahnhof Lyss händigt mir mein Znacht aus, oder besser gesagt mein Mitternachtsimbiss. Auf gehts in meine erste Nachtschicht alleine. Innerlich stelle ich mich schon auf Baustellen und Sicherheitschefs ein. Bei der Ankunft im Kommandoraum herrscht eine aufgeräumte Stimmung, haben doch einige nach langen sieben Tagen am Sonntagabend endlich frei. Müde aber erfreut begrüsst mich Celine an meinem Arbeitsplatz in der Önz. „Also folgendes,“ beginnt sie die Dienstübergabe. Auf dem Tisch liegen viele Papiere, die einige Baustellen vermuten lassen. Diese Nacht sind es sogar deren vier, in Aarburg, Rothrist, Roggwil und Langenthal. Sonst sei es aber ruhig, na wenigstens das.

Als ich mich eingerichtet und einen Überblick über den aktuellen Zugverkehr gewonnen habe, schaue ich mir die BAB’s (Betriebliche Anordnung Bau) genauer an. Sie sind alle zeitlich nacheinander auf den Zugverkehr abgestimmt. Das gilt es zuerst zu überprüfen, viele Gleise zum Fahren im Oberaargau bleiben nicht mehr übrig. Es stimmt alles und sollte nicht zu weiteren Konflikten führen. Nun muss ich die einzelnen Sperren und Fahrleitungsschaltungen anschauen und checken, wo es noch eine Sicherung braucht, das nicht aus Versehen ein Zug vor eine Baustelle fährt und nicht mehr weiterkommt. Ich bereite die Checklisten vor und versehe jede zum passenden BAB mit einem farbigen Post it und notiere mir, wann welche Sperren eingeführt werden müssen. „Dä Lehrer isch wieder do, mä gsehts“ sagt Kollege Paul beim vorbeigehen. Ich muss schmunzeln, für ihn bin ich einfah Dä Lehrer, er weiss auch nach einem Jahr meinen Namen immer noch nicht. Natürlich muss ich zwischendurch immer wieder schauen, ob meine Züge noch fahren.

Pünktlich wird jede Baustelle eingeführt und zwischendurch fahren sie in Langenthal mit einem Bagger hin und her, aber so um 01:00 kehrt auch in der Önz langsam Ruhe ein. Bald folgt der Moment, den ich fast in jeder Nacht beobachte. Es ist als würde sich ein Schleier über den Kommandoraum legen, die Gespräche verstummen fast ganz und nur noch vereinzelt klingelt ein Telefon. Die restliche Zeit bis vier Uhr kann sehr lang sein, gibt es meist nur noch wenig Verkehr. Zum Glück arbeitet diese Nacht Petra neben mir, das gibt es immer etwas zu quatschen und ich bin wieder über das Neuste BZ-Gossip upgedatet.

Auf den ersten Zug nach Hause muss ich noch eine Stunde warten, Netflix hilft mir nicht einzuschlafen. Es ist schon ein seltsames Gefühl, die missmutigen Gesichter am Montagmorgen im Zug zu sehen. Gerne würde ich ihnen entgegnen, dass ich nun Wochenende habe, aber so gemein bin ich dann doch nicht. „Süsch no öppis?“ „Nai merci“ Dieselbe Verkäuferin wie am Abend zuvor händigt mir die frischen Brötchen für das Zmorge zu Hause aus. Ich hätte schwören können, sie hat ein wenig verwirrt dreingeblickt.

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Fahrtenbuch Teil 16: X-Factor

Die Fernsehkinder unter euch können sich vielleicht noch an die Sendung X-Factor erinnern. Darin wurden jeweils verschiedene Geschichten vorgestellt, die die Grenze des Denkbaren überschritten. Meist gab es zuerst keine natüliche Erklärung für die Ereignisse in den Stories. Der Clou dabei: Eine Geschichte war erfunden und am Schluss der Sendung (nach endlosen Werbepausen) wurde enthüllt, welche. Dasselbe möchte ich nun euch, liebe Leserinnen und Leser zumuten. Drei Geschichten, die mir alle in derselben Schicht im Weissenstein passiert sind, oder doch nicht? Welche denkt ihr, ist erfunden? Schreibt es in die Kommentare.

(Für die Nostalgiker)

Geschichte 1: Keine Zeit

Von Solothurn führt eine Einspurstrecke nach Biberist, weiter nach Burgdorf. Auf dieser Strecke wurde eine Unregelmässigkeit Fahrbahn gemeldet. Durch das Informationssystem sind wir mit allen angrenzenden Bahnen verbunden. Die Informationen flossen aber nur spärlich und so musste ich mehrmals beim FDL einer nicht weiter genannten schweizer Privatbahn nachfragen, was denn jetzt genau Sache sei. Nach Stunden war endlich der Fachdienst vor Ort um das Gleis zu reparieren. Ich bereitete schon eine Checkliste vor, falls mein Kollege das Gleis nach Solothurn sperren wollte. Weil dieser Abschnitt in einem sogenannten Grenzblockabschnitt liegt, müssen wir das zusammen machen. Plötzlich erschien auf dem Stellwerk eine Sperre, umgehend telefonierte ich dem benachbarten FDL, warum wir nicht zusammen das Gleis sperren? „Ah ja stimmt, ähm, ich hatte gerade keine Zeit dafür…“

Geschichte 2: Die entlaufene Ziege

Ein Lockführer meldete mir, das zwischen Wangen an der Aare und Niederbipp eine Ziege neben dem Gleis herläuft, sie scheint keine Angt vor den Zügen zu haben sondern machte sogar noch Luftsprünge zwischendurch. Umgehend wurden alle Züge informiert, sie sollen an dieser Stelle nach der Ziege Ausschau halten. Der Disponent entschied sich, wegen einer Ziege nicht die Geschwindigkeit zu verringern. Das hätte viele Verspätungsminunten zur Folge und wird eigentlich nur bei grösseren Tieren, die auch die Zugfahrt gefährden können gemacht. Klingt hart, ist aber so. Zum Glück war es ein intelligentes Tier und blieb immer auf einer Seite der Gleise und wurde durch die Signalhörner der Loks kurzzeitig weggescheucht. Nach einer Stunde konnte sie endlich eingefangen werden und ihr Ausflug in die Freiheit nahm ein jähes Ende.

Geschichte 3: Sonnenbaden

Dieser Tag war ein heisser Sommertag. Es ist durchaus verständlich, gerade wenn man am Jurasüdfuss oder im Seeland wohnhaft ist, dass das gute Wetter ausgenützt werden muss. Ein Mann trieb es jedoch ein wenig auf die Spitze. Der Lokführer eines Güterzuges meldete mir bei der Einfahrt Solothurn von Olten her, dass ein nackter Mann auf einem Liegestuhl neben den Gleisen einen Sonnenbad nimmt. Es sei aber noch ein Zaun dazwischen. Seiner Ansicht nach gehe keine Gefahr für den Zugverkehr von ihm aus. Mir fiel nachher die recht ungewöhliche Aufgabe zu, die nachfolgenden Lokführer über diese Situation zu informieren und sie jeweils um eine Einschätzung der Lage zu bitten. „Du verarschst mich jetzt oder?“ „Was hast du gesagt? Nackt?“ „Sollte man öfter machen..“ waren nur einiger der Kommentare, die ich am Telefon erhalten habe.

Fahrtenbuch 15: Wolke oder Blitz?

Bist du eine Wolke oder ein Blitz? Verwirrt drehe ich mich nach links. Was meinst du? – Bist du ein Störungsmagnet oder nicht? – Ach so, leider eher ein Blitz. Der Blick meines Nachbarn verfinstert sich. Heute nicht, abgemacht?

Anscheinend werden neue FDL auch danach beurteilt, wieviele Störungen sie produzieren. Wobei produzieren ja eigentlich das falsche Wort ist, weil meistens können wir für eine Störung nur wenig dafür. Natürlich kann ich durch falsches Disponieren Verspätungsminuten generieren oder das Stellwerk durch falsche Bedienungen lahm legen. Das sollte aber die Ausnahme sein. Im Allgemeinen kommen die Störungen einfach zu uns, oder genauer gesagt zu mir. Nach der ersten Arbeitswoche lag meine Quote bei 75% pro Arbeitstag, selbst am ruhigsten Arbeitsplatz (Solothurn, Weissenstein) wurde ich davon heimgesucht. Was auf drei Bahnhöfen alles kaputt gehen kann. Oder am Wochenende im Gäu. Heute ist Sonntag, einfach mal ruhig beschwörte ich das ILTIS Stellwerksystem und streichelte behutsam über den Bildschirm. So war es auch, ich nahm nur vier Telefone entgegen und ausser ein Extrazug war wirklich nichts los. Nach 8,5 Stunden, kurz vor dem Ende: Weichenstörung in Solothurn bei der Ausfahrt in Richtung Olten… Die Kollegen neben mir konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Dank der sehr versierten Petra, die als ADBV amtete (Assistent vom Disponent, der beste Freund des Fahrdienstleiters, weil er oder sie alle Bahnhöfe kennt und immer eine Lösung hat) konnten wir die Weiche einfach umfahren. Mit dem Pikettdienst hatte ich trotzdem Mitleid, dass er wegen dem Blitz-FDL am Sonntagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein ausrücken musste. Petra schickte mich dann 20 Minuten früher nach Hause, eventuell nicht ganz uneingennützig…

Schnipsel

Nach ereignisreichen ersten Wochen folgt endlich wieder einmal ein Blog-Update. Die Kategorie Prellbock wird an dieser Stelle pausiert. Falls ich genug neue Ideen dafür habe, gibt sie ein Comeback. Dafür gibt es neu die Kategorie Schnipsel, in der ich Interessantes, Amüsantes oder Spannendes aus meinem neuen und alten Beruf schreibe oder verlinke. Natürlich bleiben Berichte aus dem Fahrtenbuch weiterhin erhalten. Hier der erste Schnipsel:

Um als Lehrer arbeiten zu können, reichen im Kanton Schwyz mittlerweile 5 Tage! Gerade dieser Kanton bräuchte dringend qualifiziertes Personal. Unglaublich aber wahr!

Als Vergleich: Wenn du dich im Zoo Zürich als freiwilliger Helfer engagieren möchtest, benötigst du dazu einen 7 Tage Kurs..Bei Interesse hier melden!