Fahrtenbuch Teil 8: Simulatortag

Obwohl wir regelmässig im Sektor arbeiten, sind wir wenns interessant oder spannend wird meist aussen vor. „Sorry, das muss ich jetzt machen, rutsch rüber.“ heisst es dann verständlicherweise. Es muss schnell gehen und dann bleibt keine Zeit für Erklärungen. So wie letzte Woche, als bei der Ausfahrt in Solothurn auf der Aarebrücke ein Schwan den Zugverkehr lahmlegte. Der Lokführer hat ihn dann mit einer Stange verscheucht (übrigens sei das kein Einzellfall sondern trägt die inoffizielle Bezeichnung Schwanensee in Solothurn). Wie können wir nun den Ernstfall üben? Dazu gibt es Simulatortage im LTS (Lern- und Trainingssimulator). Wie so ein Tag abläuft möchte ich euch gerne näher bringen.

Das Datum 24.6.2021 verfolgt jeden ZVLA bis in seine Träume, das ist der sich immer wiederholende Tag des Simulationsprogramms. In diesen Träumen fahren wir durchs Rheintal, durch die March dem Walensee entlang bis nach Chur, das Gebiet des LTS. Obwohl landschaftlich sehr schön, würde keiner von uns geschenkt in diese Regionen ziehen, zuviel Blut Schweiss und Tränen sind damit verbunden, zumindest metaphorisch. Die Arbeitsplätze sind wie in echt, dienen sie auch als Reserve wenn beispielsweise die BZ in Lausanne ausfallen würde.

Zu Beginn jeder sogenannten Fahrplanrunde bekomme ich einen Abschnitt zugewiesen und habe noch ein paar Minuten Zeit, mich einzurichten. Bald schon klingelt das Telefon und ein fiktiver Lokführer, Sicherheitschef oder Rangierleiter meldet sich und möchte etwas von mir oder meldet eine Störung. Nach vier Monaten muss ich nicht mehr panisch nach dem passenden Bahnhof suchen und auch der laufende Fahrplan wirkt nicht mehr so bedrohlich. Die Versuchung ist jeweils gross, sofort zu reagieren und die Aufgabe möglichst schnell abzuhandeln, schnell geht dabei eine Sicherung oder ein Checklistenpunkt vergessen. Vom Ausbilder wird alles peinlich genau dokumentiert, sich rausmogeln geht nicht. Also zuerst einmal durchschnaufen, wir haben oft ein wenig mehr Zeit als in der Realität. Meist lohnt es sich, zwei mal zu überlegen, weil es manchmal auch eine einfachere Lösung gegeben hätte. Stressig wird es, wenn etwas nicht funktioniert, ich einen schweren Fehler produziere oder mich verhasple. Die Züge stauen sich, die Verspätungen greifen auf die Bereiche meiner Kollegen*innen über und in all dem Durcheinander übersehe ich die offensichtlichsten Angaben oder Hinweise. Schnell sehe ich eine Welle nach der anderen auf mich zukommen und die nächsten Fehler sind die Folge. Wenn es gut läuft ist es dafür ein sehr schönes Gefühl, wie früher als man Marienkäfer – Kleberli für eine gute Hausaufgabe bekommen hat. Doch manchmal trügt der Schein. In der anschliessenden Besprechung in der Kleingruppe werden alle Fälle bis ins Detail seziert und ausgewertet. Hier geht es nicht um das öffentliche Blossstellen, sondern das wir aus Fehlern lernen können. Die Ausbilder*innen sind sehr direkt und ehrlich, nichts wird schöngeredet oder zurechtgebogen. Manchmal suchen sie mir zufest nach dem Haar in der Suppe (es gibt immer eines), aber meistens sind wir motiviert, es das nächste Mal besser zu machen. Danach folgt die persönliche Reflexion und Dokumentation. Nach 4-5 Fahrplanrunden bin ich jeweils fix und foxi und bin froh, dass ich nach der Prüfung nie mehr das Rheintal bedienen muss.

Ein Auszug meiner Dokmentation, meistens mit Tendenz zum Besseren

Fahrbereitschaft Teil 5: Bitte warten sie in den zugewiesenen Sektoren

Bitte warten… nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. Doch vom bestandenen Eignungstest bis zum finalen Entscheid sollten nochmals drei Monate vergehen. Als letzte Hürde stand der Schnuppertag in der BZ Olten an. „Was soll jetzt noch gross schiefgehen?“ wurde ich oft gefragt. Alles! Meine Erfahrung aus dutzenden Bewerbungsprozessen hat mich Eines gelehrt, es ist erst entschieden wenn die Tinte auf dem Vertrag trocken ist. Obwohl Personalentscheide eines der heikelsten Themen jedes Unternehmes oder jeder Schule sind, wird ihnen oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Satzbehälter der Kaffeemaschine wird zuweilen mehr Sorge getragen als zu Bewerbungen. So konnte der Schnuppertag nicht schnell genug kommen. Eine Woche vor dem Termin erhielt ich einen Anruf, ob es mir möglich wäre meinen Termin zwecks dringender Kandidaten zu verschieben. Da ich ja erst im Oktober beginnen würde, war das ein durchaus legitimes Anliegen. Als Meister des Zen Buddhismus und geübt in Geduld stimmte ich natürlich sofort zu. Selbstverständlich macht es mir nichts aus, noch einen Monat länger zu warten. Nein kein Problem. Ja gerne geschehen. Obwohl ich vielleicht ein wenig Goodwill gewonnen hatte (ich redete es mir zumindest ein) fluchte ich wie ein Rohrspatz als ich aufgehängt hatte. Bitte warten.

Dann war es endlich soweit, am 10.2.22 stand mein Schnuppertag an, den ich glücklicherweise trotz Corona Restriktionen absolvieren konnte. Dezent nervös wartete ich am Empfang und wurde von Yara pünktlich abgeholt. Ich muss gestehen, dass ich vom ersten Teil der Führung durch die BZ nicht allzu viel mitbekommen habe. Ob es an den vielen neuen Eindrücken oder an Yara lag, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei eruieren. Als wir durch den Kommandoraum eine Runde drehten, dämmerte es mir langsam, dass ich in einem Jahr vielleicht genau hier sitzen werde. Ich versuchte angestrengt, meine Vorfreude im Zaum zu halten und stellte viele schlaue Fragen. Im 2. Teil erhielt ich von ZVLA Simon eine Einführung ins Iltis System im Simulator und auch er wurde mit schlauen Fragen gelöchert. Zum Abschluss folgte nochmals ein Gespräch mit einem möglichen zukünfitgen Teamleiter und ich hatte den Eindruck, dass wir uns recht gut verstanden haben. Er spiegelte mir diesen Eindruck auch zurück und vertröstete mich auf nächste Woche, dann sollte ich den definitiven Entscheid erhalten. Bitte warten.

Am Hangover- Montag nach dem Superbowl rief mich Eline an: „Wir würden dich sehr gerne als ZVLA bei uns anstellen, bist du dabei?“ – „Ja klar!“ brachte ich gerade noch so heraus. Wir besprachen noch ein paar Formalitäten und nach zwei Minuten und zwei Sekunden waren die Weichen für meinen neuen beruflichen Weg gestellt. Natürlich freute ich mich riesig aber gleichzeitig fühlte ich auch eine grosse Leere nach dieser ganzen Anspannung. Das war eine sehr spezielle Erfahrung. Dieser Entscheid wurde mit meiner Familie natürlich gebührend gefeiert. Hatten speziell sie auch einen grossen Anteil daran, dass es überhaupt möglich wurde. Während eines feinen Znachts auswärts versuchte ich die kommenden Veränderungen für unser Familienleben zu skizzieren, die in der Euphorie aber untergingen. Ich habe es versucht. Nach einer Woche kam der Vertrag und als die Tinte trocken war, hiess es wieder einmal: Bitte warten.

Prellbock Teil 5

Dinge aus meinem alten Beruf die ich höchstwahrscheinlich nie mehr machen werde Teil 5:

An der Teamsitzung 30 min über den Untergang des Abendlandes diskutieren / sich das Gejammer der Hauswirtschaftslehrerin anhören, weil die Jugendlichen nicht mehr wissen welche Früchte wann Saison haben / Stellvertretungen selber organisieren während man mit Grippe und 39,5+ im Bett liegt / das Gelaber des „ich weiss es besser als die Kursleitung“ während Weiterbildungen ertragen / Fötzelä / neidisch auf das Schoggileben der Sport- und Gestaltungslehrer sein / Runde Tische mit Schulleitung, Klassenlehrerin, Therapeuten, dem Goldhamster und dem Kind leiten / den hochtoxischen Chemieschrank um den sich 10 Jahre Jahre lang niemand gekümmert hat fachgerecht entsorgen / Schüler während einer Theatervorstellung ruhig stellen, die ich selber schlecht finde / Lagerbeiträge, Schulreisegeld und Budgets im Umfang eines mittelgrossen Betriebes verwalten / Realisieren, dass die Performance des Hedgefonds (in den ich all dieses Geld investiert hatte) nicht das gehalten hat, was er Anfangs versprach / einen Grossteil aller Lehrerausflüge, Weichnachtsessen und Apéros aus dem eigenen Sack bezahlen

Aber auch: Nie mehr an der Sek-1 Game-Night gegen meine Kollegen*innen Mario Kart fahren

10

Fahrtenbuch Teil 7: An der langen Leine

„Hallo, nimm gerade Platz!“ verwirrt verneine ich die Aufforderung des Kollegen. Verwirrt darum, weil verschiedene Dinge nicht sind wie sie sein sollten. Es ist mein vierter Tag in Serie derselben Schicht im Abschnitt Gäu/Weissenstein. Normalerweise ist nur ein Arbeitsplatz online weil beide Bereiche zusammengefasst sind, aber nun laufen beide separat. Am meisten aus dem Konzept bringt mich der Arbeitsplatz mit nur einem Stuhl, arbeite ich doch immer mit einer Begleitung neben mir. „Ähmm das ist ein Missverständnis, ich bin erst seit Oktober hier und kann noch nicht alleine arbeiten weil ich…“ – „Ja so lernst du es, du nimmst das Gäu und ich Weissenstein, keine Bange ich höre immer noch zu wenn etwas ist.“ erwiedert Instruktor Dario. Er steckt das längere Telefonkabel ein und zieht es bis zu seinem Arbeitsplatz. „Was machst du denn da?“ versucht abermals mein Verstand einzuwenden. Zu spät. „Du kannst das, du wirst sehen es macht sogar Spass“, sagt Celine die neben mir im Önz sitzt. Es ist allgemein schwierig, einer Frau zu widersprechen und so bete ich zu jedem (oder jeder) der zuhört, dass sie recht hat.

Nachdem ich die anfängliche Nervosität überwunden habe merke ich, dass ich mich schon besser zurecht finde als Anfangs Woche. Ich muss nicht mehr alle Gleise aufschreiben sondern kann zuerst mal zuhören und muss nur das Nötigste notieren. Trotz der Kälte und Regen sind sämtliche Rangierleiter heute Abend bester Laune und als ob sie es wüssten, sind sie besonders nett zu mir. Sie sprechen langsam und deutlich und müssen sich nur zwei mal wiederholen. „Kann ich den schicken?“ frage ich Dario als ein Rangier in Oensingen einmal quer über den Bahnhof möchte. „Das kannst du entscheiden.“ Lange überlegen ist meistens nicht drin, so werfe ich innerlich eine Münze und stelle die Fahrstrasse ein. Es reicht locker und ich bin froh den IC5 nicht ausgebremst zu haben. Dario hat bei mir exakt die Schwelle zwischen Unter- und Überforderung gefunden und so werden es die intensivsten, aber auch besten Stunden im Sektor. Ich bemerke erst, dass die Schicht zu Ende ist als die Ablösung kommt.

Auf dem Nachhauseweg kommt mir eine Vorlesung aus meinem nicht sehr erfolgreichen Psychologiestudium in den Sinn. Die Theorie des Flow von Mihaly Csikzentmihalyi. Er interviewte Sportler, Künstler, Denker und fragte sie zu Beginn immer diesselbe Einstiegsfrage: „Was erlebst du wenn es wirklich gut läuft?“ Seine Vermutung war, das die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen würden, aber er irrte sich. Der Inhalt der Antworten folgte einem Muster. Die Probanden beschrieben ein Erleben, in dem man voll in dem aufgeht, was man gerade tut. Ein reizvoller Zustand, in dem das Handeln selbst motiviert — und die Belohnung danach keine Rolle spielt. (Quelle nowtation.com) Danke Dario für mein Flow-Erlebnis!

Flow Theorie