Fahrtenbuch 18: Aller Anfang ist schwer..

„In jedem Anfang steckt ein Zauber“ (Hermann Hesse). Mit diesem Spruch wird man oft zu Beginn eines neuen Schuljahres von der Rektorin oder dem Rektor begrüsst. Auch mir wurde per Whatsapp zu meinem ersten Arbeitstag dieser Spruch zugeschickt. Was für den Schuljahresbeginn zählt, stimmt meiner bescheidenen Erfahrung nach für den Fahrdienst nicht zwingend. Ich würde eher sagen: Aller Anfang ist schwer! Ist ja normal, gehört dazu, du kommst schon rein, es braucht seine Zeit. Aber das es zuweilen so anstrengend ist, hätte ich nicht gedacht.

Immer wenn ich denke, doch langsam kommt es, gibt es eine neue Situation, die ich nicht kenne oder wo ich nicht wirklich eine Ahnung habe, wie dieses Problem zu lösen ist. Oder Grossbaustellen wie der Bahnhof Langenthal. Fast wöchentlich ändert sich etwas, ein neues Gleis ist gesperrt, ein neuer Fahrweg der nicht mehr geht oder eine neue Dokumentation wurde erstellt. Mein Arbeitsplatz ist zuweilen von Papier und Checklisten zugedeckt:

Für offizielle Änderungen gibt es ein spezielles Formular und die sind auch online abgelegt, dass die wirklich wichtigen Dinge nicht vergessen gehen. Schwierig wird es, wenn der Fahrdienst auf dem neusten Stand ist, die anderen Beteiligten wie zum Beispiel das Rangier oder der Sicherheitschef nicht. So kann eine einfache Rangierfahrt auch mal 20 Minuten in Anspruch nehmen. Das ist viel Zeit, die ich nicht immer habe aber wenn dadurch eine unsichere Situation vermieden werden kann lohnt es sich, sie zu investieren. Zum Glück ist meistens jemand im Sektor, der kompetent Auskunft geben kann. Nur einmal hatte ich eine Störungsmeldung, die nicht einmal der Ober-Baba vom Kommandoraum und die ILTIS Superuserin kannte. Aber sie wussten wo nachschlagen. Ich habe mir von dieser Seite ein Lesezeichen gemacht, anscheinend werde ich sie noch brauchen.

Fahrtenbuch 17: Nachtschicht Reportage

„Süsch no öppis?“ – „Nai merci, das wär alles.“ Die nette Dame beim Beck am Bahnhof Lyss händigt mir mein Znacht aus, oder besser gesagt mein Mitternachtsimbiss. Auf gehts in meine erste Nachtschicht alleine. Innerlich stelle ich mich schon auf Baustellen und Sicherheitschefs ein. Bei der Ankunft im Kommandoraum herrscht eine aufgeräumte Stimmung, haben doch einige nach langen sieben Tagen am Sonntagabend endlich frei. Müde aber erfreut begrüsst mich Celine an meinem Arbeitsplatz in der Önz. „Also folgendes,“ beginnt sie die Dienstübergabe. Auf dem Tisch liegen viele Papiere, die einige Baustellen vermuten lassen. Diese Nacht sind es sogar deren vier, in Aarburg, Rothrist, Roggwil und Langenthal. Sonst sei es aber ruhig, na wenigstens das.

Als ich mich eingerichtet und einen Überblick über den aktuellen Zugverkehr gewonnen habe, schaue ich mir die BAB’s (Betriebliche Anordnung Bau) genauer an. Sie sind alle zeitlich nacheinander auf den Zugverkehr abgestimmt. Das gilt es zuerst zu überprüfen, viele Gleise zum Fahren im Oberaargau bleiben nicht mehr übrig. Es stimmt alles und sollte nicht zu weiteren Konflikten führen. Nun muss ich die einzelnen Sperren und Fahrleitungsschaltungen anschauen und checken, wo es noch eine Sicherung braucht, das nicht aus Versehen ein Zug vor eine Baustelle fährt und nicht mehr weiterkommt. Ich bereite die Checklisten vor und versehe jede zum passenden BAB mit einem farbigen Post it und notiere mir, wann welche Sperren eingeführt werden müssen. „Dä Lehrer isch wieder do, mä gsehts“ sagt Kollege Paul beim vorbeigehen. Ich muss schmunzeln, für ihn bin ich einfah Dä Lehrer, er weiss auch nach einem Jahr meinen Namen immer noch nicht. Natürlich muss ich zwischendurch immer wieder schauen, ob meine Züge noch fahren.

Pünktlich wird jede Baustelle eingeführt und zwischendurch fahren sie in Langenthal mit einem Bagger hin und her, aber so um 01:00 kehrt auch in der Önz langsam Ruhe ein. Bald folgt der Moment, den ich fast in jeder Nacht beobachte. Es ist als würde sich ein Schleier über den Kommandoraum legen, die Gespräche verstummen fast ganz und nur noch vereinzelt klingelt ein Telefon. Die restliche Zeit bis vier Uhr kann sehr lang sein, gibt es meist nur noch wenig Verkehr. Zum Glück arbeitet diese Nacht Petra neben mir, das gibt es immer etwas zu quatschen und ich bin wieder über das Neuste BZ-Gossip upgedatet.

Auf den ersten Zug nach Hause muss ich noch eine Stunde warten, Netflix hilft mir nicht einzuschlafen. Es ist schon ein seltsames Gefühl, die missmutigen Gesichter am Montagmorgen im Zug zu sehen. Gerne würde ich ihnen entgegnen, dass ich nun Wochenende habe, aber so gemein bin ich dann doch nicht. „Süsch no öppis?“ „Nai merci“ Dieselbe Verkäuferin wie am Abend zuvor händigt mir die frischen Brötchen für das Zmorge zu Hause aus. Ich hätte schwören können, sie hat ein wenig verwirrt dreingeblickt.

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Fahrbereitschaft: Letzter Teil

Da steht sie nun vor mir, die Betriebszentrale-Mitte. Mit mehr als wackligen Beinen mache ich mich auf die letzten Meter, meine Gedanken fahren gerade Achterbahn und für einen kurzen Moment wäre ich sogar wieder umgekehrt. „Ah Dave, dein erster Tag alleine oder? Also in Oensingen hat es…“ So werde ich zur normalen Dienstübergabe begrüsst. Mit zittrigen Händen nehme ich Platz. Beim Anmelden gebe ich mein Passwort 3x falsch ein, so nervös bin ich. „Das kommt schon gut!“ ruft mir Reto, Assistent DBV zu. „Wenn etwas ist, einfach sagen, ich bin da.“ Puh zum Glück ist er da, der Papi vom Mittelland, nichts kann ihn aus der Ruhe bringen.

Was machst du da??- versucht mein Verstand noch einzuwenden. Aber zu spät. So sitze ich nun vor dem GSMR (der graue Telefonkasten) und harre der Dinge, die da kommen werden. Unzählige Male habe ich das schon gemacht, aber nun gilt es ernst. Jeden Zug und jedes Zielgleis schaue ich 3x an, passt es wirklich? Ist er nicht zu lang? Sind die Gleise in den Überholbahnhöfen frei? Zu Beginn ist es gleich recht hektisch, aber Reto nimmt mir das eine oder andere ab, mit der Zeit überträgt sich seine Ruhe auch auf meine Nerven und ich werde ein wenig entspannter. „Du könntest noch 100 Instruktionen haben, irgendwann musst du anfangen“, sagte mir die vordere Woche ein erfahrener FDL. „Weisst du Papi, wenn sie denken du könntest das nicht, würden sie dich sicher nicht alleine arbeiten lassen“, hat mich Noël am Abend vorher aufgemuntert. Recht haben sie beide. Ich muss es nur noch selber anfangen zu glauben. Der weitere Nachmittag bleibt recht ruhig und ausser zwei verspäteten Güterzügen und einer falsch gestellten Rangierfahrstrasse (die vom Rangierleiter zum Glück rechtzeitig bemerkt wird) gehen die Stunden relativ ereignislos über die Bühne.

Fixfertig aber auch ein wenig zufrieden mache ich mich nach 8.5 Stunden voller Konzentration auf den Heimweg. An diesem Abend war ich nach Svea der Nächste, der eingeschlafen ist.

Fahrbereitschaft Teil 6: Schichtende absehbar

Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl, wenn ihr innerlich schon mit etwas abgeschlossen habt, aber trotzdem noch die Contenance bewahren müsst? So erging es mir in den letzten sechs Monaten an meiner alten Arbeitsstelle in Solothurn. Plötzlich waren Fragen wie: Wann schicke ich meine Kündigung ab? Welche Bücher gehören mir? Wo war schon wieder der geheime Whisky-Vorrat? viel wichtiger als das Tagesgeschäft. Zur ersten Frage habe ich lange hin und her überlegt. Schlussendlich entschied ich spontan am Montag nach der Vertragsunterzeichnung das Team in der 10i Pause zu informieren. Präventiv habe ich drei Kollegen schon vorgewarnt, da ihre weitere Lebensplanung von meinem Entscheid eventuell tangiert werden könnte. Sie waren zwar traurig (oder haben wenigstens so getan), aber haben sich von meiner beruflichen Neuausrichtung nicht beirren lassen. Richtig so. Der Rest des Teams war ziemlich überrascht, ihre Reaktionen verursachten dann doch ein schlechtes Gewissen bei mir. Zum Glück gingen mit Yussuf und Boran in der folgenden Lektion dermassen auf den Sack, dass es schnell wieder verflog. Zwischendurch fiel es mir wirklich schwer, mich noch zu motivieren. Die Kaffepausen dauerten zugegebenermassen immer wie länger, dafür nahm ich es meist ein wenig relaxter. Davon profitierten Yussuf und Boran wiederum. Obwohl ich immer noch auf ihr Abschlussprotokoll der Projektarbeit warte…

Mein ursprünglicher Plan wäre es gewesen, mich von August bis Oktober hauptsächlich der Verbesserung meiner feinmotorischen Fähigkeiten zu widmen. Leider wurde dieser Plan von der Belegschaft des Dammwegs 36 und unserem Budget einstimmig verworfen. So machte ich mich auf die Suche nach einem Stellvertretungsjob. Da bemerkte ich schnell, dass der Wind sich gedreht hat. Musste ich bisher dutzende Bewerbungen schreiben, hoffen und bangen, konnte ich nun aussuchen wo ich arbeiten wollte. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich hätte sogar eine Stelle in einer Klasse zur besonderen Förderung an der Unterstufe bekommen, obwohl ich davon keine Ahnung habe und das beim Gespräch auch erwähnte. Interessant war auch ein Schulleiter, der sich erst nach einer Woche bei mir meldete und es sehr bedauerte, dass ich schon eine Stelle gefunden hatte. Am nächsten Tag las ich exakt von ihm ein Interview in der Zeitung, wo er sich über den Lehrermangel beklagte. Kritisch BAZ. Anscheinend weht der neue WInd noch nicht in allen Lehrerzimmern. In Kirchberg fand ich schlussendlich eine passende Stellvertretung und traf dort sehr nette und hilfsbereite Leute an. Eine gute Wahl, im wahrsten Sinne des Wortes.

Fahrtenbuch: Was hat die Nacht mit dem Schlaf zu tun? Teil 1

Im Kommandoraum der BZ Mitte herzlich wenig. Das würde ich John Milton, seines zeichens englischer Dichter, aus den Erfahrungen der letzten Tage antworten. Sinnvollerweise beinhaltet unser Ausbildungsplan zwei mal eine Nachtschichtwoche, die erste ist soeben zu Ende gegangen. Weniger sinnvoll war die Planung, zeitgleich fanden noch Instruktionen für die frisch gebackenen Fahrdienstleiter statt. So blieben nicht mehr viele Arbeitsplätze übrig. In der ersten Nacht wurde ich regelrecht herumgeschoben, und landete für die letzten vier Stunden in Olten Nord. Auch das nur semi intelligent, weil dieser Knotenpunkt recht komplex ist und wir nicht sehr viel ausrichten können mit unserem Bildungsstand. Schlussendlich sollte es sich aber als Glücksfall erweisen, ich sass neben dem erfahrenen Fahrdienstleiter Andreas und wir kamen schnell ins Gespräch. Er bat mir an, ihn in der nächsten Nacht ins Freiamt im Sektor Aare zu begleiten, dort könne ich definitiv mehr machen. Meine Schulkollegin Paula schaute am nächsten Abend ziemlich verwirrt drein, als ich in „ihrem“ Sektor Platz nahm. Andreas sollte Recht behalten. In Lupfig, Othmarsingen, Brugg und Dottikon wurde bis in die frühen Morgenstunden rangiert. Zu Beginn hatte ich Mühe, mich in all den neuen Bahnhöfen zurechtzufinden. Dafür ging die Zeit vorüber. Müde aber zufrieden machte ich mich mit unserer Biene auf dem Heimweg. Dank den leeren Strassen schaffte ich es von Olten in 45 Minuten nach Hause, neuer Rekord! Zum Glück stellt die Kantonspolizei Solothurn die Blitzer immer am selben Ort auf..

Die weiteren drei Tage war ich in der Önz eingeteilt, Olten-Rothrist bis Langenthal. Nach halb elf wurde es auch hier ruhig. Dafür gab es ein paar Baustellen zu sichern, das konnte ich schon selbstständig machen. Kniffliger waren die Fahrleitungsschaltungen, die bereiten mir immer noch Kopfzerbrechen. Bei einer Schaltung hatte auch mein Instruktor Fabio Fragezeichen, ob unsere Sicherung korrekt sei. Am Schluss konnte unser Disponent (quasi der Chef im Sektor) das Rätsel von Schalter sechs lösen und der Bautrupp konnte pünktlich anrücken.

Die grosse Herausforderung in der Nachtschicht ist es, vom reinen Überwachen zur vollen Aufmerksamkeit zu wechseln. Als passendes Beispiel dazu: In Rothrist meldete sich Sicherheitschefin Vreni, um mit einem Schienenbagger zu rangieren. Sofort sprang bei Fabio und mir die Alarmleuchten an. Ein solches besonderes Fahrzeug muss angemeldet und sein Fahrweg speziell gesichert werden. Auf unserem Stellwerk wird es nicht korrekt angezeigt, da der Achsenabstand zu gering ist. Es könnte überall und nirgends sein und wir würden nicht bemerken, ob wir einen Zug oder Rangier in seine Fahrbahn stellen. Umgehend sicherten wir das Gleis auf dem Vreni mit ihrem Gefährt stand, und gaben ihr leicht genervt eine Instruktion für das nächste Mal. Wenigstens war ich danach wieder hellwach und konnte einen Kaffee auslassen.

Fahrbereitschaft Teil 5: Bitte warten sie in den zugewiesenen Sektoren

Bitte warten… nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. Doch vom bestandenen Eignungstest bis zum finalen Entscheid sollten nochmals drei Monate vergehen. Als letzte Hürde stand der Schnuppertag in der BZ Olten an. „Was soll jetzt noch gross schiefgehen?“ wurde ich oft gefragt. Alles! Meine Erfahrung aus dutzenden Bewerbungsprozessen hat mich Eines gelehrt, es ist erst entschieden wenn die Tinte auf dem Vertrag trocken ist. Obwohl Personalentscheide eines der heikelsten Themen jedes Unternehmes oder jeder Schule sind, wird ihnen oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Satzbehälter der Kaffeemaschine wird zuweilen mehr Sorge getragen als zu Bewerbungen. So konnte der Schnuppertag nicht schnell genug kommen. Eine Woche vor dem Termin erhielt ich einen Anruf, ob es mir möglich wäre meinen Termin zwecks dringender Kandidaten zu verschieben. Da ich ja erst im Oktober beginnen würde, war das ein durchaus legitimes Anliegen. Als Meister des Zen Buddhismus und geübt in Geduld stimmte ich natürlich sofort zu. Selbstverständlich macht es mir nichts aus, noch einen Monat länger zu warten. Nein kein Problem. Ja gerne geschehen. Obwohl ich vielleicht ein wenig Goodwill gewonnen hatte (ich redete es mir zumindest ein) fluchte ich wie ein Rohrspatz als ich aufgehängt hatte. Bitte warten.

Dann war es endlich soweit, am 10.2.22 stand mein Schnuppertag an, den ich glücklicherweise trotz Corona Restriktionen absolvieren konnte. Dezent nervös wartete ich am Empfang und wurde von Yara pünktlich abgeholt. Ich muss gestehen, dass ich vom ersten Teil der Führung durch die BZ nicht allzu viel mitbekommen habe. Ob es an den vielen neuen Eindrücken oder an Yara lag, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei eruieren. Als wir durch den Kommandoraum eine Runde drehten, dämmerte es mir langsam, dass ich in einem Jahr vielleicht genau hier sitzen werde. Ich versuchte angestrengt, meine Vorfreude im Zaum zu halten und stellte viele schlaue Fragen. Im 2. Teil erhielt ich von ZVLA Simon eine Einführung ins Iltis System im Simulator und auch er wurde mit schlauen Fragen gelöchert. Zum Abschluss folgte nochmals ein Gespräch mit einem möglichen zukünfitgen Teamleiter und ich hatte den Eindruck, dass wir uns recht gut verstanden haben. Er spiegelte mir diesen Eindruck auch zurück und vertröstete mich auf nächste Woche, dann sollte ich den definitiven Entscheid erhalten. Bitte warten.

Am Hangover- Montag nach dem Superbowl rief mich Eline an: „Wir würden dich sehr gerne als ZVLA bei uns anstellen, bist du dabei?“ – „Ja klar!“ brachte ich gerade noch so heraus. Wir besprachen noch ein paar Formalitäten und nach zwei Minuten und zwei Sekunden waren die Weichen für meinen neuen beruflichen Weg gestellt. Natürlich freute ich mich riesig aber gleichzeitig fühlte ich auch eine grosse Leere nach dieser ganzen Anspannung. Das war eine sehr spezielle Erfahrung. Dieser Entscheid wurde mit meiner Familie natürlich gebührend gefeiert. Hatten speziell sie auch einen grossen Anteil daran, dass es überhaupt möglich wurde. Während eines feinen Znachts auswärts versuchte ich die kommenden Veränderungen für unser Familienleben zu skizzieren, die in der Euphorie aber untergingen. Ich habe es versucht. Nach einer Woche kam der Vertrag und als die Tinte trocken war, hiess es wieder einmal: Bitte warten.

Fahrbereitschaft Teil 4: Signalanstoss

„Du, also hmm, ich brauche einen neuen Job..“ Diesen Satz hat mein Umfeld in den lezten 22 Jahren zu oft gehört, vereinzelt gezwungenermassen. Wie bereits in den vorherigen Beiträgen in Fahrbereitschaft erwähnt, habe ich es selten mehr als drei Jahre an einem Ort ausgehalten. Berechtigterweise könnte mir fehlender Durchhaltewillen attestiert werden. Ich persönlich habe nicht den Eindruck, dass das der Hauptgrund ist, bin ich doch zum Beispiel seit diesem 20. November schon 23 Jahre meistens glücklich verheiratet (zur Überprüfung dieser Angaben wendet euch bitte an meine Frau).

Lange konnte ich mir diese sich einschleichende Unruhe nicht erklären. Es kam mir vor wie der Signalanstoss. Das Stellwerk hat diese Funktion, wenn es ein Signal auf Fahrt stellen möchte, weil alle Bedinungen zur Fahrt erfüllt sind, es aber noch unseren Ankick braucht.

Doch woher kam bei mir dieser Signalanstoss? Welche Kraft trieb und treibt mich an? Eine ziemlich plausible Erklärung fand ich auf einem Schulausflug (Irony-off). Zwecks Rekognoszieren besuchte ich mit meinen Kindern die Ausstellung „Heimat“ im Stapferhaus Lernzburg. Vielleicht waren einige von euch auch dort. Das zentrale Thema dieser fantastisch umgesetzten Installation war das Riemann-Thomann Modell.

Ganz kurz zusammengefasst basiert dieses Modell auf der Annahme, dass es im Leben von jedem Menschen vier Grundausrichtungen gibt. Der Begriff „Grundausrichtung“ kann vereinfacht als ganzheitlicher Zustand, bei dem sich ein Wohlgefühl für den jeweiligen Menschen einstellt bzw. dieser Wohlfühlzustand angestrebt wird, beschrieben werden (aus Wiki).

Diese vier sind jeweils in gegensätzliche Paare eingeteilt: Nähe-Distanz, Dauer -Wechsel. Am Ende von „Heimat“ bekam man sein persönliches Profil und drei mal dürft ihr raten was ich für ein Ergebnis ich erhalten habe.

Es ist zwar nur eine Theorie aber für meine Ausgangsfrage lieferte sie mir eine schlüssige Erklärung. Nicht immer ist es einfach damit umzugehen, für näheres Umfeld ganz zu schweigen (fragt abermals meine Frau für genauere Angaben). Aber trotz der Menge des Lernstoffes, der Zwischenprüfung die vor der Türe steht und den langen Tagen stellt sich bei mir immer mehr dieser Wohlfühlzustand ein. Es brauchte nur einen Signalanstoss. Wisst ihr was das Tolle an dieser Funktion ist? Sie kommt von alleine.

Fahrbereitschaft Teil 3: Der längste Tag

Wenn ich etwas in den vergangenen Jahren nahezu perfektioniert habe, waren das Bewerbungen. An über zehn verschiedenen Orten habe ich seit meiner Patentfeier gearbeitet. Solothurn oder besser gesagt dem Team des Kollegium-Schulhauses muss ich ein besonderes Kränzchen winden, denn bei euch habe ich es fast sieben Jahre ausgehalten, das will was heissen! Aber all good things come to an end sang schon Nelly, und so konnten auch die Avengers (Zitat NH) von der Goldgasse den Zug nicht mehr aufhalten. So schickte ich im April 21 meine Bewerbung ab und das mehrere Monate dauernde Verfahren nahm seinen Lauf. Ein erster Rückschlag war der seltsame Kündigungstermin des Kantons Solothurn auf Ende April, so musste ich das Ganze verschieben. Dank der Flexibilität der Bahn konnte ich mich schlussendlich auf den Februar 22 bewerben, mit späterem Start im Oktober. Nach drei online Bewerbungsgesprächen via Teams, was ehrlich gesagt eine sehr schräge Erfahrung war stand der Eignungstest an, und es sollte wirklich (abgesehen von den Geburten unserer Kinder) der längste Tag werden.

Nach einer sehr kurzen Nacht (mir war regelrecht übel vor Anspannung) machte ich mich auf den Weg nach Bern zum medizinischen Eignungstest. Eine nette Assistentin nahm mich in Empfang und führte verschiedene Tests durch. Beim EKG sagte sie: Der Puls ist ein bisschen hoch, aber könnte es sein das sie ein wenig nervös sind? – Ein bisschen vielleicht erwiderte ich darauf. Wir mussten beide lachen und das trug ziemlich zu Entspannung bei. Der Betriebsarzt ging noch ein wenig mehr ins Detail, vor allem die Sehfähigkeit und die Reflexe wurden getestet. Fürs Medizinische war alles gut und ob ihrs glaubt oder nicht, aber ich habe immer noch ein Herz wie ein junges Reh.

Für den Blutzucker musste ich mich zwingen, etwas zu Mittag zu essen. Dann schlugen die Stunden der Wahrheit im Hauptgebäude beim Wankdorf. Wegen Home-Office war es gespentisch leer, von der netten Empfangsdame wurde ich in den 2. Stock geleitet wo der Testleiter schon auf sein nächstes Opfer wartete. Zuerst musste ich ca. 90 Minuten lang Tests zur Intelligenz, Vorstellungsvermögen, Mathematik und Sprache lösen. Es war zwar anstrengend aber machbar. Dann folgten Gedächtnis- und psychoreaktive Tests, und die hatten es in sich. Beim Gedächtnistest zum Beispiel musste man sich „Pfanne Luki Deutschland 15.99“ merken, davon fünfzehn an der Zahl. Ich hatte 8 Minuten Zeit mir ein System einzuprägen und ganz am Ende der Tests kamen Fragen dazu. Bei Psychoreaktiven Tests schienen die einzelnen Tests einfach, Termine notieren, Signale merken, was passt nicht usw. Bis alle miteinander kombiniert wurden! ich habe gedacht das wars, das hat nicht gereicht. Ich habe in den zwei Stunden Blut und wörtlich Wasser geschwitzt und ging patschnass in die Kaffeepause.

Zum Abschluss folgte noch ein stündiges Gespräch mit einer Psychologin. Zuerst zeigte sie mir die Testresultate, es war alles im Rahmen ausser der letzte erwähnte Test war zwei Punkte über dem Soll, somit musste ich mich nur noch auf das Gespräch konzentrieren. Kennt ihr das wenn euer Hirn komplett auf Reset gestellt hat? So wie meinen ehemaligen Schülern nach den Sommerferien? Endlich konnte ich ihnen ein wenig nachfühlen. Ich habe mir den Mund fusselig geredet und schlussendlich hat es gereicht und ich bin offiziell tauglich und zur Ausbildung als ZVL zugelassen. 10 Kilo leichter (also metaphorisch gemeint) machte ich ein abverheites Selfie (dafür bin ich offensichtlich zu alt) vor der grossen Bahnhofsuhr. Der längste Tag war geschafft, aber das Ziel noch nicht erreicht.

Fahrbereitschaft Teil 2

Wer hat die Idee des Zugverkehrsleiters denn aus dem Dornröschenschlaf geweckt? Die Frage ist nicht nur wer, sondern auch was. Das Leben führt manchmal auf verschlungenen Pfaden, wie zum Beispiel an diesem grauen Samstag im März 2021. Als Familie machten wir einen Ausflug ins Verkehrshaus, nichts deutete darauf hin, dass an diesem Tag die Weichen meiner beruflichen Zukunft neu gestellt werden. Das Verkehrshaus ist immer wieder neu spannend, aber lebensverändernd war es bis jetzt noch nie. Wegen des schlechten Wetters hielten wir uns vor allem drinnen auf, natürlich blieben wir bei den Eisenbahnen hängen, nicht nur wegen mir muss ich hier noch anfügen. Kommt! rief plötzlich Svea, hier hat es ein Spiel das wir zusammen machen können. Es war ein kleiner Simulator für den Zugsverkehr, Weichen und Signale mussten gestellt und alles mit möglichst wenig Verspätung abgewickelt werden. Das ist aber eher neu, dachte ich. Daneben hing ein grosses Plakat „Zugverkehrsleiter bei der SBB, wir suchen Dich!“ Und dann sagte meine Liebste einen folgenschweren Satz:“Das wolltest du doch mal werden!“ In diesem Augenblick legte sich in meinem Kopf ein Schalter um, der zehn Jahre auf seine Betätigung gewartet hatte. Der Zug setzte sich in Bewegung, langsam, mit ungewissem Ausgang aber unaufhaltsam.

Dazu kommt mir ein Zitat aus Christopher Nolans Inception in den Sinn, das diesen Augenblick im Verkehrshaus passend beschreibt: Welches ist der widerstandsfähigste Parasit? Ein Bakterium, ein Virus, ein Darmwurm? Ein Gedanke! Resistent, hochansteckend. Wenn ein Gedanke einen Verstand erstmal infiziert hat, ist es fast unmöglich, ihn zu entfernen. Ein Gedanke der vollkommen ausgeformt vollkommen verstanden ist, der bleibt haften, irgendwo da oben drin.

Fahrbereitschaft Teil 1

Wie bist du den auf diesen Beruf gekommen? Diese Frage wurde mir oft gestellt und ist ja auch noch verständlich, liegen diese zwei Jobs doch nicht gerade nah beieinander. Es war auch keine impulsive Entscheidung, sondern der Entscheid hat eine Vorgeschichte und ich kann wirklich sagen ich habe ihn nicht leichtfertig oder aus einer Laune heraus gefällt. Hier möchte ich euch erzählen, wie es dazu kam.

Vor zehn Jahren hatte sich bei mir beim Schule geben eine gewisse Demotivation eingeschlichen. Ich kann nicht mehr genau sagen warum. Auf jeden Fall machte ich mich auf die Suche nach Alternativen. Per Werbung wurde ich auf den Beruf des Zugverkehrsleiters aufmerksam und so meldete ich mich für eine Infoveranstaltung an. Nach dieser Infostunde war ich Feuer und Flamme und kam ganz begeistert nach Hause. Nach einem Austausch mit meiner Angetrauten zeigte sich leider rasch, dass dieser Anschluss ausserhalb meiner Reichweite lag. Sozusagen das Gleis 49 aller Alternativen. Svea war damals gerade ein Jahr alt und der Lohn hätte bei 100% Beschäftigung, hmm sagen wir mal sehr knapp gereicht. So fuhr dieser Zug vorerst ohne mich ab und ich suchte dafür nach neuen Herausforderungen im Schulbereich. Die ich schlussendlich mit der Arbeit als Förderlehrer, dem späteren Stellenwechsel nach Solothurn und dem CAS auch gefunden habe. Trotzdem schaute ich zwischendurch, wenn ich in Olten an der Betriebszentrale Mitte vorbeifuhr, wehmütig hinauf zum hell erleuchteten obersten Stock. Irgendwann verschwand die Idee im Schrank meiner vielen Ideen (z.B. Leuchtturmwärter, Barkeeper in einem irischen Pub oder Football Coach) und schlummerte da zehn Jahre vor sich hin.