Fahrtenbuch 23: Im Auge des Sturms

Ich hoffe ihr wart am 25.6. nicht in der Region Mitte mit dem Zug unterwegs..

Verspätungen und Ausfälle: Chaos am Bahnhof Olten – Mann auf Fahrleitungsmast – 20 Minuten

Ein ausserordentliches Ereignis zur Hauptverkehrszeit, und so ziemlich am dümmsten Ort für eine Klettertour an einem Fahrleitungsmasten. Die Beweggründe, die den Mann zu dieser Tat bewogen haben, werden wohl im Dunkeln bleiben. Aber warum löste diese Aktion so ein Chaos aus und warum kriegt man es nicht schneller in den Griff? Darauf versuche ich euch eine Antwort zu geben.

Erklärung 1: Der Zeitpunkt

Ob bewusst oder nicht, die Aktion startete gerade vor der „Welle“, zu dem Zeitpunkt fahren von/nach Olten die Schnellzüge in alle Himmelsrichtungen, zum Teil besetzt mit hunderten von Passagieren. Nach dem Meldungseingang wurde der Alarm Personen in Gleisnähe ausgerufen. Da zuerst der Sachverhalt nicht klar war, die Person könnte sich ja auch weiterbewegen, wurden alle Züge im Bahnhof gestoppt.

Erklärung 2: Die Fahrleitung

Der Bahnstrom wird mit 15kv und 16.7 Hertz betrieben, diese gelben Schilder hängen nicht umsonst als Warnung entlang der Bahngleise. Die Leitung muss nicht einmal berührt werden, es genügt auch ein Lichtbogen und das wars dann. Wäre die Person einfach nahe am Gleis gewesen, hätte das für ein paar Züge Fahrt auf Sicht im Bahnhof Olten bedeutet und pro Zug ca. 10 min Verspätung generiert. Somit musste aber der ganze Bahnhof Olten stromlos geschaltet werden und das Chaos nahm seinen Lauf.

Erklärung 3: Der Ripple-Effekt

Innert Kürze stauten sich nicht nur in Olten die Züge, sondern auch an den umliegenden Knoten wie Bern, Basel, Aarau bis Zürich. Aufgrund des Taktfahrplans sind genau zur selben Zeit an allen Knotenbahnhöfen die Gleise voll Ich habe an diesem Tag die Kundeninfo im Sektor Gurten (dazu später mehr) betreut und ich war permanent mit dem ADBV von Bern am Telefon, um Züge neu anzuschreiben, in andere Gleise zu verschieben, Wendungen zu überprüfen usw. Wann immer möglich wird versucht, die Züge an einem Perron warten zu lassen. So bricht der halbe schweizweite Fahrplan innert 30 Minuten zusammen.

Erklärung 4: Mangelnde Alternativen

Einzelne Linien wie Bern-Biel waren von dem Ereignis nicht betroffen, aber zum Beispiel vom Wallis/Interlaken nach Zürich gibt es keine direkte Alternative. Grosse Umleitungen via Brünig oder Luzern wären die einzige Ausweichroute. Bei fast allen anderen kommt man früher oder später wieder in Olten vorbei.

Erklärung 5: Dauer des Ereignisses

Es dauerte lange, bis die Einsatzkräfte einen Plan hatten, wie die Person von dem Mast runtergeholt werden soll. Viele meiner Kollegen hatten diverse Vorschläge eingebracht, aber wir sind ja immer noch im Kanton Solothurn und nicht in South Los Angeles. Als der Spuck nach fast einer Stunde vorbei war, musste zuerst der Strom wieder eingeschaltet werden (da konnte nicht einfach ein Schalter umgelegt werden) und nachher begann das grosse Aufräumen. Der ADBV Bern erzählte mir tags darauf, das er bis Dienstschluss noch Anrufe von der BLS und SBB bekam, die sich nach dem Verbleib ihrer Züge erkundigten oder Personal suchten.

Jeder der bei den heissen Temperaturen gestern gestrandet war und sich dabei geärgert hat, kann ich sehr gut verstehen. Die ganze BZ Mitte hat ihr möglichstes getan, um diese Störung zu beheben aber ja, für die Kunden ist es trotzdem nervig. Wir alle hoffen, das dieses Beispiel nun nicht Schule macht und hoffentlich ein Einzelfall bleibt. Dafür haben viele (ich eingeschlossen) eine epische Geschichte mehr zu erzählen.

Fahrtenbuch 22: Griechisch lernen

Die wenigsten von uns mögen sich noch daran erinnern, wie schwierig es war, die deutsche Sprache und unser Alphabet zu erlernen. Meine Frau könnte darüber genauer Auskunft geben, wieviel mühsame Kleinarbeit das benötigt, das jemandem beizubringen. Nun stellt euch vor, ihr müsst es nochmals von Grund auf lernen. Nach einem Jahr habt ihr es einigermassen im Griff, kennt die wichtigsten Regeln, die Buchstaben und könnt euch angemessen verständigen. Gerade als es anfängt auch Spass zu machen, kommt die Lehrperson und sagt: So, ab heute lernen wir Griechisch.

Ähnlich ging es mir seit Anfangs Mai, meine Instruktion für den Bahnhof Olten (Knoten) hat begonnen. Die Basics des Stellwerkes sind mehrheitlich diesselben, und die Prozesse und Vorschriften auch. Es gibt ein paar Besonderheiten, da das Stellwerk Olten aus dem Jahr 1967 ist, aber α β γ alpha beta gamma kenne ich schon. Der Zugverkehr und die dutzenden von möglichen Fahrwegen waren dann aber ζ η θ (wer kennt die Buchstaben ohne zu spicken?) Zuerst musste ich auch mal verarbeiten, dass ich (fast) wieder von Vorne beginnen muss. Das braucht viel Energie und Konzentration, zurücklehnen gibt es selten. Es kommen dauernd Züge von vier Seiten, und alle müssen über die zwölf Gleise im Bahnhof Olten. Das raubt mir ehrlich gesagt ziemlich Energie, vor allem kratzt es auch ein wenig an meinem Ego, wieder als Anfänger Platz zu nehmen. Aber wenigstens ist Olten vorerst einmal die letzte Herausforderung. Immerhin, es scheint, dass ich meinen Störungsblitz losgeworden bin. αυτό θα είναι μια χαρά.

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Fahrtenbuch Teil 21: X-Faktor

Wiederum präsentiere ich euch drei Geschichten aus meinem Berufsalltag, welche stimmt nicht? Schreibt es in die Kommentare.

Im Winterschlaf

Im Intercity aus Lugano läuft der Lokführer zur letzten Kontrolle durch den Zug, dabei findet er ein Päärchen, das friedlich und tief, wahrscheinlich vom Jet Lag, eingeschlafen ist. Mehrmalige Weckversuche sind nicht erfolgreich. Schlussendlich muss die gerufene Stadtpolizei die beiden aufwecken und aus dem Zug bugsieren.

Dringender Termin

Ein Lokführer eines verspäteten Güterzuges ruft mich an und bittet mich, ihn möglichst schnell durchzulassen, weil er einen dringenden Termin in Spiez habe. Seine Frau sei kurz vor dem Gebähren. Nach kurzer Rücksprache mit dem Disponenten wird aus seiner Komposition ein Bling-Bling Zug (Prio-Zug), und sogar der Interregio wird ausgebremst, so dass er ungehindert weiterfahren kann. Als kleine Gegenleistung hätten wir uns über eine Geburtsanzeige gefreut.

Verwechslungsgefahr

Die Kantonspolizei meldet von einem Spaziergänger, das ein Auto auf dem Bahnübergang in Richtung Wanzwil steht. Schnelles Handeln ist gefragt, damit nicht noch weitere Komplikationen entstehen. Als der Lokführer eine örtliche Kontrolle durchführt, entpuppt sich das Auto als verirrte Ziege, die gemütlich auf den Schienen liegt. An den Spaziergänger: Was auch immer du nimmst, nimm weniger davon.

Fahrtenbuch Special: Ein fahrdienstlicher Albtraum, aber pädagogisch wertvoll

Im Zyklus der Unterstufe am Schulhaus Grentschel ist heute Der kleine Nachtexpress eingeplant. Da es grosses Potential für einen Projektmorgen birgt, ist es mittlerweile ein fester Bestandteil der Jahresplanung meiner Frau. Ebenso grosses Potential besitzt dieses Buch, die Fachkräfte von morgen mit fahrdienstlichen Tätigkeiten in Berührung kommen zu lassen. Diese Chance lasse ich mir nicht entgehen, frei nach dem Motto Wenn schon dann schon wurde kurzerhand Opas LGB von unserem Garten ins Klassenzimmer transferiert, inklusiv Signale und Zugpersonal Ausrüstung. Was bei der Planung nach einem ausgereiften Vorhaben aussah, entpuppte sich bei der Durchführung als fahrdienstlicher Albtraum, wie die folgende Chronik der Ereignisse dokumentiert.

  • Nachtexpress (NEX) 1 fährt pünktlich ab. Doch schon nach der ersten Kurve bleibt der Zug aufgrund einer GFM Störung stehen, der Fachdienst kann die Störung jedoch umgehend beheben.
  • NEX 2 produziert kurz nach der Abfahrt beim Hauptsignal N19 einen Signalfall. Das Signal wird um ca. 15 cm überfahren. Keine Zugsgefährdung. Die Vorgesetzte des Lokführers entscheidet jedoch, das der Lokführer in der Lage ist, weiterzufahren. Bei diesem Entscheid hege ich grosse Zweifel. Kurz darauf werden sie leider bestätigt, da auch das nächste Hauptsignal W78 um 10 cm überfahren wird. Keine Zugsgefährdung.
  • Allgemein fällt mir auf, das die Abfahrtskelle selten FDV-konform geschwungen wird, zuweilen auch bevor das Signal auf grün gestellt ist. Hier sind sicher noch weitere Instruktionen für das Zugpersonal nötig.
  • NEX 3 fährt ohne eine Billetkontrolle los, dabei ist gerade der Nachtexpress auf jeden Franken angewiesen, sind die Personalkosten (für jede Fahrt müssen neue Fachkräfte instruiert werden) nicht unerheblich. Wenigstens wird nun korrekt vor dem Signal angehalten.
  • NEX 4 handelt sich viele Verspätungsminuten ein, da der Verlad von Tieren viel Zeit in Anspruch nimmt. Der Postwagen wird kurzerhand für die Pferdefamilie reserviert, was logistisch für das Zugpersonal eine grosse Herausforderung darstellt. Weil die Lok mittlerweile von einem blauen Elefanten gesteuert wird, ist die Verspätung kaum mehr aufzuholen. Aufgrund der 10i Pause sollte der nächste Umlauf aber wieder pünktlich verkehren können.
  • NEX 5 entgleist beim Ablad von Baumaterial, da die Arbeiter unvorsichtig zu Werke gehen. Zum Glück ist niemand verletzt und auch der Zug scheint intakt zu sein. Das stellt sich leider kurz darauf als Fehleinschätzung heraus, da sich auf den ersten Zentimetern eine Zugstrennung ereignet. Kein Gefahrengut betroffen. Gleis noch fahrbar.
  • NEX 6 muss unterwegs einen Notstopp einlegen, da drei Schweine auf dem Dach des Schlafwagens mitfahren. Nach einer Verlegung in den Postwagen kann der Zug weiterfahren. Lego Bauarbeiter Fred hat mittlerweile die Steuerung der Lok übernommen und kann die Verspätung wieder aufholen.
  • NEX 7 muss die gesamte Strecke mit Fahrt auf Sicht absolvieren, da gegen Ende des Morgens immer mehr Bauten der Schulklasse das Trassee säumen, und dementsprechend sich viele Personen in Gleisnähe aufhalten. Durch einen Arbeiter wird die Verbindung zum Stellwerk unterbrochen, der Fachdienst ist aber schnell vor Ort und kann die Kabel neu verbinden. Es ist kein Ausfallkonzept nötig, mit Einzelmassnahmen konnten die Verspätungen aufgefangen werden.

11:10 fährt NEX 7 in seinen Zielbahnhof ein und meine intensivste und verrückteste Schicht ist endlich zu Ende.

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Fahrtenbuch 20: Störungen im Bahnverkehr Teil 1

„Letzte Woche hatte mein Zug acht Minuten Verspätung, wegen Störungen im Bahnverkehr, Immer dieselbe Ausrede! Es kommt ihnen einfach nichts besseres in den Sinn!“ Tja das stimmt nicht so ganz. Natürlich könnte auf dem Anzeiger in der Unterführung auch stehen: „Verspätungen infolge einer nicht rückstellbaren Isolierung auf der Flankenschutzweiche 34 in Aarburg, es muss mit Sammelformular 1 Vorbeifahrt am geschlossenen Hauptsignal gefahren werden.“ Aber würde das helfen? Um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, folgt hier eine nicht abgeschlossene Auflistung von Störungen, die ich seit Juni live an meinem Arbeitsplatz erlebt habe. Dazu eine kurze Beschreibung und die ungefähre Anzahl an Verspätungsminuten, die daraus resultieren können. Dann könnt ihr beim nächsten Mal, wenn sich Gisela und Hanspeter wieder lautstark in eurem Abteil aufregen, mit Insiderwissen angeben.

Lampenstörung an einem Hauptsignal: Je nachdem welche Lampen defekt sind kann die Zugfahrstrasse noch eingestellt werden oder nicht. Alle Lampen haben eine Ersatzbirne. Wenn die auch kauptt ist, wirds kritisch. (0-15 min)

Lampenstörung am Zwergsignal: Es kommt drauf an welche Lampe defekt ist. Vor einem unklaren Signalbild muss der Lokführer anhalten, wir geben ihm mündlich den Befehl zur Weiterfahrt, wenn der Fahrweg gesichert ist. (0-5 min)

Signalabsturz: Bei neueren Stellwerken kann die Elektronik des Signals aussteigen, es kann noch versucht werden,es mit dem Befehl SAUF (bester Befehl ever) wieder hochzufahren. Wenn das nicht geht, muss der Zug umgeleitet werden und das Stellwerk braucht einen Reset. (1-20 min)

Weichenstörung: Weiche ist eingefroren, ein Gegenstand blockiert die Weiche, Motor ist defekt, das Weichenherz hat einen Riss, die Möglichkeiten sind vielfältig. (5min bis Totalunterbruch)

GFM Störung: Nach dem letzen Bericht von Noël wisst ihr nun Bescheid. Glück im Unglück, wenn es ein Achszähler ist, der ist rückstellbar. Pech wenn es eine Isolierung ist, dann ist Sense. (10min – Einspur – Totalunterbruch)

Gestörter Bahnübergang: Die Holmen können defekt sein (Motor) oder sie wurden von einem Auto abrasiert, auch hier gibt es viele Varianten. Entscheidend ist, was es für eine Art von Bahnübergang es ist, d.h. welche Notbedienungen er zulässt, was mehr oder weniger Zeit kostet. (0-10 min) Übringens, als Autofahrer sind immer die Blinklichter entscheidend.

Fahrtenbuch Teil 19: X-Factor

Unsere Hauptansprechpartner sind die Lokführer. Meistens kommen wir sehr gut miteinander aus, brauchen wir uns doch gegenseitig für einen stabilen Zugverkehr. Zwischendurch gibt es aber auch ein bisschen beef, wie meine jüngste Tochter sagen würde. Manchmal zu recht und manchmal auch nicht. In dieser Ausgabe von X-Factor geht es um die Könige der Schiene, wie sie von uns zwischendurch mit einem Augenzwinkern genannt werden. Was denkt ihr, welche Geschichte stimmt nicht? Schreibt es in die Kommentare.

Der Jäger des verlorenen Zuges

Seit fünf Minuten sollte ein Zug in Basel aus dem Abstellgleis aufgestellt werden. Nach mehrmaligem Versuchen erreicht der Kollege aus der Birs den Lf am Handy. „Du solltest den Zug aufstellen, hast du eine Türstörung oder so?“ – „Ich finde den Zug nicht..“ Die S3 fiel an diesem Morgen aus.

Fahrrad inklusive

Lokführerwechsel eines Güterzuges in Langenthal. Normalerweise eine Sache von ein paar wenigen Minuten. Nach fünf Minuten hat sich der neue Lokführer immer noch nicht fahrbereit gemolden. Wenigstens kommt der nächste Zug hinter ihm erst in zehn Minuten. Als er sich meldet, frage ich nach, was so lange gedauert hat. „Ich musste noch mein Fahrrad einladen.“ Ich habe darauf verzichtet zu fragen, wie das physikalisch möglich sei.

Schreibzeug vergessen

Weichenstörung bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof in Luzern. Das Signal kann nur mit einer Notbedienung auf Fahrt gestellt werden, dazu braucht es ein Sammelformular (siehe hier), das der Lf normalerweise immer dabei hat. Zumindest sollte er vor der Abfahrt überprüfen, ob es vorhanden ist. Diesmal war das nicht der Fall, so konnte der Zug erst abfahren, als die Störung behoben war. Ein Kollege hat ihm netterweise beim nächsten Bahnhof einen neuen Block Formulare übergeben.

Fahrtenbuch Teil 16: X-Factor

Die Fernsehkinder unter euch können sich vielleicht noch an die Sendung X-Factor erinnern. Darin wurden jeweils verschiedene Geschichten vorgestellt, die die Grenze des Denkbaren überschritten. Meist gab es zuerst keine natüliche Erklärung für die Ereignisse in den Stories. Der Clou dabei: Eine Geschichte war erfunden und am Schluss der Sendung (nach endlosen Werbepausen) wurde enthüllt, welche. Dasselbe möchte ich nun euch, liebe Leserinnen und Leser zumuten. Drei Geschichten, die mir alle in derselben Schicht im Weissenstein passiert sind, oder doch nicht? Welche denkt ihr, ist erfunden? Schreibt es in die Kommentare.

(Für die Nostalgiker)

Geschichte 1: Keine Zeit

Von Solothurn führt eine Einspurstrecke nach Biberist, weiter nach Burgdorf. Auf dieser Strecke wurde eine Unregelmässigkeit Fahrbahn gemeldet. Durch das Informationssystem sind wir mit allen angrenzenden Bahnen verbunden. Die Informationen flossen aber nur spärlich und so musste ich mehrmals beim FDL einer nicht weiter genannten schweizer Privatbahn nachfragen, was denn jetzt genau Sache sei. Nach Stunden war endlich der Fachdienst vor Ort um das Gleis zu reparieren. Ich bereitete schon eine Checkliste vor, falls mein Kollege das Gleis nach Solothurn sperren wollte. Weil dieser Abschnitt in einem sogenannten Grenzblockabschnitt liegt, müssen wir das zusammen machen. Plötzlich erschien auf dem Stellwerk eine Sperre, umgehend telefonierte ich dem benachbarten FDL, warum wir nicht zusammen das Gleis sperren? „Ah ja stimmt, ähm, ich hatte gerade keine Zeit dafür…“

Geschichte 2: Die entlaufene Ziege

Ein Lockführer meldete mir, das zwischen Wangen an der Aare und Niederbipp eine Ziege neben dem Gleis herläuft, sie scheint keine Angt vor den Zügen zu haben sondern machte sogar noch Luftsprünge zwischendurch. Umgehend wurden alle Züge informiert, sie sollen an dieser Stelle nach der Ziege Ausschau halten. Der Disponent entschied sich, wegen einer Ziege nicht die Geschwindigkeit zu verringern. Das hätte viele Verspätungsminunten zur Folge und wird eigentlich nur bei grösseren Tieren, die auch die Zugfahrt gefährden können gemacht. Klingt hart, ist aber so. Zum Glück war es ein intelligentes Tier und blieb immer auf einer Seite der Gleise und wurde durch die Signalhörner der Loks kurzzeitig weggescheucht. Nach einer Stunde konnte sie endlich eingefangen werden und ihr Ausflug in die Freiheit nahm ein jähes Ende.

Geschichte 3: Sonnenbaden

Dieser Tag war ein heisser Sommertag. Es ist durchaus verständlich, gerade wenn man am Jurasüdfuss oder im Seeland wohnhaft ist, dass das gute Wetter ausgenützt werden muss. Ein Mann trieb es jedoch ein wenig auf die Spitze. Der Lokführer eines Güterzuges meldete mir bei der Einfahrt Solothurn von Olten her, dass ein nackter Mann auf einem Liegestuhl neben den Gleisen einen Sonnenbad nimmt. Es sei aber noch ein Zaun dazwischen. Seiner Ansicht nach gehe keine Gefahr für den Zugverkehr von ihm aus. Mir fiel nachher die recht ungewöhliche Aufgabe zu, die nachfolgenden Lokführer über diese Situation zu informieren und sie jeweils um eine Einschätzung der Lage zu bitten. „Du verarschst mich jetzt oder?“ „Was hast du gesagt? Nackt?“ „Sollte man öfter machen..“ waren nur einiger der Kommentare, die ich am Telefon erhalten habe.

Fahrtenbuch 15: Wolke oder Blitz?

Bist du eine Wolke oder ein Blitz? Verwirrt drehe ich mich nach links. Was meinst du? – Bist du ein Störungsmagnet oder nicht? – Ach so, leider eher ein Blitz. Der Blick meines Nachbarn verfinstert sich. Heute nicht, abgemacht?

Anscheinend werden neue FDL auch danach beurteilt, wieviele Störungen sie produzieren. Wobei produzieren ja eigentlich das falsche Wort ist, weil meistens können wir für eine Störung nur wenig dafür. Natürlich kann ich durch falsches Disponieren Verspätungsminuten generieren oder das Stellwerk durch falsche Bedienungen lahm legen. Das sollte aber die Ausnahme sein. Im Allgemeinen kommen die Störungen einfach zu uns, oder genauer gesagt zu mir. Nach der ersten Arbeitswoche lag meine Quote bei 75% pro Arbeitstag, selbst am ruhigsten Arbeitsplatz (Solothurn, Weissenstein) wurde ich davon heimgesucht. Was auf drei Bahnhöfen alles kaputt gehen kann. Oder am Wochenende im Gäu. Heute ist Sonntag, einfach mal ruhig beschwörte ich das ILTIS Stellwerksystem und streichelte behutsam über den Bildschirm. So war es auch, ich nahm nur vier Telefone entgegen und ausser ein Extrazug war wirklich nichts los. Nach 8,5 Stunden, kurz vor dem Ende: Weichenstörung in Solothurn bei der Ausfahrt in Richtung Olten… Die Kollegen neben mir konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Dank der sehr versierten Petra, die als ADBV amtete (Assistent vom Disponent, der beste Freund des Fahrdienstleiters, weil er oder sie alle Bahnhöfe kennt und immer eine Lösung hat) konnten wir die Weiche einfach umfahren. Mit dem Pikettdienst hatte ich trotzdem Mitleid, dass er wegen dem Blitz-FDL am Sonntagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein ausrücken musste. Petra schickte mich dann 20 Minuten früher nach Hause, eventuell nicht ganz uneingennützig…

Fahrtenbuch 14: Geschichten aus der Instruktion

Momentan läuft meine Instruktion an den drei Arbeitsplätzen Önz (Oberaargau), Gäu (Wangen bei Olten bis Wangen an der Aare) und Weissenstein (Solothurn). Je nach Instruktor*in und ihr Vertrauen in mich kann ich schon recht selbständig arbeiten. Hierbei wechseln sich Angst, Stress aber auch Spass und Freude regelmässig ab. Am 5. Juli habe ich dann meinen ersten Arbeitstag alleine, ich versuche noch nicht zufest daran zu denken, mein Herz ist auch nicht mehr das Jüngste. Zwischendurch gibt es auch spezielle Erlebnisse, davon möchte ich gerne drei mit euch teilen.

Der Döner Express

Aus dem Nichts verlangt ein Lf einer Rangierlok eine Fahrstrasse von Langenthal Güterbahnhof in den Personenbahnhof. Seltsam denke ich, in der nächsten Stunde fährt kein Güterzug ab und sie haben gefragt, ob sie die Lok ca. 20 min dort stehen lassen dürfen. Meine Instruktorin Petra und ich schauen uns fragend an, aber was solls, sie werden wissen was sie tun. Als sie zurückfahren meint Petra: Die haben sich sicher ein Glacé geholt. Nicht schlecht geraten, wie sich nach einem kurzen Anruf herausstellt. Sie haben sich einen Döner gegönnt und Petra wünscht ihnen än Guete. Mal ehrlich, gibt es einen „fancier“ Weg, einmal extra scharf mit Allem abzuholen?

Gestresster Lokführer in Solothurn

Rangieren in Solothurn hat seine Tücken, tricky wird es wenn sie einmal quer über alle Gleise nach Luterbach in die Kebag fahren müssen. Das Timing hier ist sehr wichtig, wollen wir doch keinen IC5 oder einen Regionalzug unnötig ausbremsen. Wenn sie dann im Güterbahnhof warten müssen, besteht die Gefahr das sie Vergessen gehen, genau das ist mir aus Versehen passiert. Schon klingelt das Telefon und ein sehr gestresster Lokführer (der originale Wortlaut wird hier aus Jugendschutzgründen nicht protokolliert) meldet sich und droht damit, die Lok stehen zu lassen wenn es nicht weiterginge. Dezent irritiert lege ich den Hörer auf. Meine Kollegin Fabia am Arbeitsplatz daneben beruhigt mich. Manchmal sei man halt der Boxsack und das dürfe man sich nicht zu Herzen nehmen. Sie gebe ihnen jeweils gerade noch ihre Personalnummer durch, falls sie sich beschweren wollen. Paradoxe Intervention einmal anders.

Teamwork mit einem Lf in Hägendorf

Das Problem am Gäu ist, das wir oft zuwenig Gleise haben. Darum ist es wichtig (das bin ich noch am Lernen) immer die nächsten 30 Minuten im Blick zu haben. Was fährt wo ein? Sind die Gleise frei? Soeben hatte ich mir einen schönen Plan zurecht gelegt und wollte gerade einen Kaffee holen, bing, plötzlich ist von Olten her ein Güterzug mit Ziel Oberbuchsiten unterwegs. Wo kommt der jetzt her? An seinem Zielort hat es keinen Platz. Mein „Kollege“ hat vergessen mich zu fragen und jetzt heisst es schnell handeln. Signal zumachen und überlegen, wohin mit diesem Zug. Zum Glück ist es nur eine Lok und ich rufe ihn an und erkläre ihm die Lage. Er ist sehr verständnisvoll und bietet mir an, im Bahnhof auf ein Nebengleis abzukreuzen und dort zu warten. Wahres Teamwork.

Fahrtenbuch Teil 13:

Dieses Meme aus South Park bringt meine momentane Stimmungslage sehr treffend auf den Punkt. Die letzten zwei Monate der Ausbildung hatten es echt in sich, es blieb kaum Zeit zum Verschnaufen. Simulatorrunde folgte auf Simulatorrunde, wöhrend der Repetitionswoche haben wir die wichtigsten Themen nochmals im Schnellzug durchgenommen. Mein älteres Hirni benötigte dazu ein wenig mehr Zeit als bei anderen und so wurden die Tage lange und intensiv. Nach der Standortbestimmung folgte ein Monat später die Theorieprüfung. Stolz verkündete mein Quizlet „Sie haben eine 3-Wöchige Lernserie erreicht“. Am Tag vor der Prüfung verzeichnete mein Quizlet zum Normalbetrieb 25 Zugriffe. Es hat mich natürlich gefreut, dass meine Kollegen*innen die selbst erstellten Quizlets auch benutzen, lieber spät als nie.

Am Abend der bestandenen Theorieprüfung kam bereits das Mail für die Rolleninstruktion im Sektor Mittelland. Nach hoffentlich bestandener praktischen Prüfung werde ich an den drei Arbeitsplätzen Weissenstein, Gäu und Önz instruiert. Während dieser vier-wöchigen Instruktionsphase muss ich mir möglichst viele Eigenheiten dieser Abschnitte einprägen, die ich noch nicht weiss. Natürlich gibt es auch darüber wieder einen Test, genannt „Zielcheck“. Aber ich lasse mich nicht mehr von solchen Phrasen täuschen. Die Standortbestimmung hat sich eher wie eine Prüfung angefühlt, ich falle nicht nochmal drauf herein. Wenn ich diese Hürde auch gemeistert habe gilt es anschliessend ernst, ich werde alleine arbeiten. Natürlich mit Unterstützung von rechts und links, hoffe ich zumindest. Wenn ich daran denke wird mir jetzt schon schwindelig. Vielleicht sollte ich wirklich ernsthaft in Betracht ziehen, mit meditieren zu beginnen.

Trotz allem macht es mir immer noch Spass und besonders gegen das Ende zu heisst es Augen zu und durch. Am Bahnhof in Bern habe ich dazu einen passenden Spruch gefunden: The only easy day was yesterday.