Paris spécial: Le dernier billet, prèmiere partie

Darf ich mich vorstellen? Ich bin das Papierbillet 68547407-01 der Verkehrsbetriebe von Paris. Ich bin der letzte noch lebende Nachfahre einer ehemals grossen Billetfamilie. Innerhalb einer Woche habe ich viele meiner Brüder und Schwestern an der Schranke verloren. Ich weiss das unweigerlich das Ende unserer Art näher rückt (Das Ende der Papiertickets), aber noch nie habe ich es so unmittelbar miterleben müssen wie in der letzen Woche. Aber der Reihe nach.

Versendet wurde ich und meine vier Geschwister an eine gewissen Familie Wendel im Mai dieses Jahres. Anscheinend hatten sie vor, wie ich den Diskussionen entnehmen konnte, die Olympischen Spiele in Paris zu besuchen. Sie scheinen gut organisiert zu sein, haben sie mich doch über eine Plattform im Internet zum Voraus gekauf, damit sie am Ankunftstag nicht Schlange stehen müssen. Ich freute mich schon auf meine Einsätze, bis kurz vor Ferienbeginn plötzlich Hektik aufkam. Der Vater hatte einen Bericht gelesen, das ich und meine Familie während den Spielen als illegal eingestuft werden. Die Website der Verkehrsbetriebe bestätigte seinen Verdacht. Mais sacré bleu! Die wollen doch nur die teureren Olympia Pässe mit Chipkarten verkaufen, und unsereins stellt man einfach aufs Abstellgleis! Die Familie hat dann entschieden, es einfach mit uns zu probieren, schliesslich könnten sie mit uns viel Geld sparen.

So kam der Moment der Wahrheit, beim ersten Drehkreuz am Gare du Nord, und siehe da, selbstverständlich funktionierten wir einwandfrei, zufriedene Gesichter und high fives. Aber die Freude währte nicht lange, beim Ausgang in St. Denis versagten die Dienste von Anouks und Sveas Billeten. Wahrscheinlich die Hitze, sagte ich mir. Eine nette Helferin liess sie ohne Probleme durch. Leider wiederholte sich dieses Drama bei der Rückfahrt, und so wurden meine unfähigen zwei Geschwister beim Schalter kurzerhand umgetauscht und entsorgt. Aber die Freude über die Neuankömmlinge währte nur kurz, Sveas neues Billet streikte erneut, worauf sich der Vater entschied, es erneut umzutauschen. Leider war diesmal die Schalterbeamtin besser informiert, und nach langem Diskutieren wurde mein neuer Freund durch einen Olympiapass ersetzt. Ich werde die gemeinse Fahrt auf der RER bleu nie vergessen. Plötzlich lief es mir kalt den Rücken hinunter. Werde ich das nächste Opfer sein? Kann ich solange durchhalten? Ist das meine letzte Fahrt?

à suivre…

Schnipsel: Teamsitzung Variante Lehrerzimmer

Willst du nicht wieder zurück? Warum verzichtest du auf so viele Ferien? Sie suchen doch überall Lehrer? Diese Fragen werden mir zwischendurch von meinen Kollegen*Innen gestellt. Ich weiss nie so genau, wie diese Fragen gemeint sind. Ist es eine passiv aggressive Kritik an meiner Arbeit oder eine echte Sorge um die Zukunft unseres Bildungssystems? Wie dem auch sei, meine Antwort lautet (bis jetzt) immer nein. Ich sei schon längst nicht mehr Lehrerzimmerkompatibel, meint meine Frau. Dem kann ich ihr nur zustimmen. Am Beispiel einer Teamsitzung kann ich das perfekt illustrieren. Der erste Ausschnitt (aus Platzgründen stark gekürzt) ist aus dem Lehrerzimmer Hermrigen-Merzligen (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen könnten unter Umständen zutreffen). Das Traktandum 2 ist die Planung des Schulabschlussfestes vor den Sommerferien.

Gisela (Schulleitung): Also in einem Monat steht der Schulschluss an, wir haben noch viel zu planen und zu organisieren, und es braucht alle, damit der Abend ein Erfolg wird.

Rüdiger: Warum mache mer ned s’Gleiche wiä letschts Johr?

Gisela: Das ist eben schwierig.

Ich: Könnte mer wenigschtens d’Ressorts verteile?

Hanspeter: Ned so tief Rüdiger, ned so tief. Also wir sind erst bei der Begrüssung. Das kommt nachher.

Gisela: Danke Hanspeter für den wertvollen Hinweis. Als Einstieg machen wir eine kurze Befindlichkeitsrunde (spannt einen Wollknäuel nach links).

Elsbeth: Also ich finde es eine Sauerei, das die Names-Klämmerli für die Finken nicht aus 100% abbaubarem Material gefertigt sind, immer dieses Chemiezeugs. Früher haben wir die Klämmerli noch selber gemacht, aber das lernt man ja heute nicht mehr.

Gisela: Ich spüre da viele negative Schwingungen und es scheint ein wichtiges Anliegen zu sein. Was ist deine Meinung zu den Klämmerli Hanspeter?

Hanspeter: Es ist daneben, das wir jetzt wieder um so Details kümmern müssen. Wir haben jetzt wirklich Wichtigeres zu tun. Wann unternimmt der Lehrerverband endlich etwas gegen die kapitalistischen Werbungen vor den Youtubevideos? Die Amerikanisierung unserer Schüler*innen muss gestoppt werden! (tippt auf seinem I-Phone).

Elsbeth: Immer du Hansjürg mit deinem patriarchalischen Ansprüchen. Mich verletzt es, dass meine Argumente hier nicht ernst genommen werden (wirft den Wollknäuel in Richtung Hansjürg, verfehlt ihn, trifft jedoch seinen Kaffee der sich über sein I-Pad ergiesst)

Hanspeter: Unsere Elsbeth, genau wie dein Hauswirtschaftsfach zu nichts zu gebrauchen.(Elsbeth verlässt weinend das Lehrerzimmer)

Gisela: Das war jetzt vielleicht ein wenig respektlos Hanspeter, wie du über das Hauswirtschaftsfach hergezogen bist. Aber das soll keine Kritik sein, nimm es als Anregung mit auf deinen Weg. Wie geht es dir Arjeta? (wirft ihr einen imaginären Wollknäuel zu)

Arjeta: (trägt Kopfhörer, schaut sich gebannt Tik-Tok Videos auf ihrem Handy an, würdigt Gisela keines Blickes)

Gisela: Gut, ich werte das mal als eine positive Rückmeldung.

[…] 30 min später

Gisela: Gut, kommen wir nun zum Traktandum 2, Schulabschlussfest. Anne-Marie, wie sieht es mit der Verpflegung aus?

Anne-Marie: (erwacht aus dem Tiefschlaf) Was?

Gisela: Die Verpflegung, Anne-Marie.

Anne-Marie: Ah ja Entschuldigung. Gerade heute ist mir aufgefallen, das beim Brezelkönig die normalen Brezel jetzt 2.30 kosten, das sind 10% mehr, obwohl die aktuelle Inflation in der Schweiz nur 2,3% beträgt. Das finde ich schon noch eine grosse Herausforderung, gerade für bildungsferne und einkommensschwache Familien.

Gisela: Wir wollten eigentlich den Schulabschluss planen, aber danke vielmals für diesen wertvollen Input. Das ist auch eines meiner Ziele als Schulleiterin, den Horizont unseres Lehrerteams laufend zu erweitern.

[…] 2h später (Rüdiger hat unterdessen seine Kündigung verfasst, ist zur Post gelaufen, hat sie eingeschrieben aufgegeben und seine Terrasse mit dem Kärcher gereinigt)

Gisela: Gut wir haben einiges geschafft, wir sind nicht ganz zum Traktandum 2 gekommen, aber es war ein wertvoller Austausch. An der morgigen Sitzung werden wir dann sicher ein wenig konkreter. Kommen wir noch zu Varia…

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Fahrtenbuch 22: Griechisch lernen

Die wenigsten von uns mögen sich noch daran erinnern, wie schwierig es war, die deutsche Sprache und unser Alphabet zu erlernen. Meine Frau könnte darüber genauer Auskunft geben, wieviel mühsame Kleinarbeit das benötigt, das jemandem beizubringen. Nun stellt euch vor, ihr müsst es nochmals von Grund auf lernen. Nach einem Jahr habt ihr es einigermassen im Griff, kennt die wichtigsten Regeln, die Buchstaben und könnt euch angemessen verständigen. Gerade als es anfängt auch Spass zu machen, kommt die Lehrperson und sagt: So, ab heute lernen wir Griechisch.

Ähnlich ging es mir seit Anfangs Mai, meine Instruktion für den Bahnhof Olten (Knoten) hat begonnen. Die Basics des Stellwerkes sind mehrheitlich diesselben, und die Prozesse und Vorschriften auch. Es gibt ein paar Besonderheiten, da das Stellwerk Olten aus dem Jahr 1967 ist, aber α β γ alpha beta gamma kenne ich schon. Der Zugverkehr und die dutzenden von möglichen Fahrwegen waren dann aber ζ η θ (wer kennt die Buchstaben ohne zu spicken?) Zuerst musste ich auch mal verarbeiten, dass ich (fast) wieder von Vorne beginnen muss. Das braucht viel Energie und Konzentration, zurücklehnen gibt es selten. Es kommen dauernd Züge von vier Seiten, und alle müssen über die zwölf Gleise im Bahnhof Olten. Das raubt mir ehrlich gesagt ziemlich Energie, vor allem kratzt es auch ein wenig an meinem Ego, wieder als Anfänger Platz zu nehmen. Aber wenigstens ist Olten vorerst einmal die letzte Herausforderung. Immerhin, es scheint, dass ich meinen Störungsblitz losgeworden bin. αυτό θα είναι μια χαρά.

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In eigener Sache

Sicher habt ihr schon das neue tolle Logo auf unserem Blog entdeckt, das sehr passende Design hat Noël entworfen. Aber das ist nicht das Einzige, das sich auf Weichenherz verändert. Neu ist Noël nicht nur Chefdesigner, sondern offizieller Co-Autor. Die Ausrichtung des Blogs wird offener und geht um Spannendes, Amüsantes und Interessantes aus der Bahnwelt, nicht nur aus der Fahrdienst-Perspektive. Dazu gehören auch Reiseberichte und in naher Zukunft auch eigens erstellte Videobeiträge zum Thema. Wir wünschen weiterhin viel Spass beim Lesen und ein grosses Merci für eure Kommentare und das Begleiten in unserem Berufsalltag auf und neben der Schiene.

Noël & Dave

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Fahrtenbuch Teil 21: X-Faktor

Wiederum präsentiere ich euch drei Geschichten aus meinem Berufsalltag, welche stimmt nicht? Schreibt es in die Kommentare.

Im Winterschlaf

Im Intercity aus Lugano läuft der Lokführer zur letzten Kontrolle durch den Zug, dabei findet er ein Päärchen, das friedlich und tief, wahrscheinlich vom Jet Lag, eingeschlafen ist. Mehrmalige Weckversuche sind nicht erfolgreich. Schlussendlich muss die gerufene Stadtpolizei die beiden aufwecken und aus dem Zug bugsieren.

Dringender Termin

Ein Lokführer eines verspäteten Güterzuges ruft mich an und bittet mich, ihn möglichst schnell durchzulassen, weil er einen dringenden Termin in Spiez habe. Seine Frau sei kurz vor dem Gebähren. Nach kurzer Rücksprache mit dem Disponenten wird aus seiner Komposition ein Bling-Bling Zug (Prio-Zug), und sogar der Interregio wird ausgebremst, so dass er ungehindert weiterfahren kann. Als kleine Gegenleistung hätten wir uns über eine Geburtsanzeige gefreut.

Verwechslungsgefahr

Die Kantonspolizei meldet von einem Spaziergänger, das ein Auto auf dem Bahnübergang in Richtung Wanzwil steht. Schnelles Handeln ist gefragt, damit nicht noch weitere Komplikationen entstehen. Als der Lokführer eine örtliche Kontrolle durchführt, entpuppt sich das Auto als verirrte Ziege, die gemütlich auf den Schienen liegt. An den Spaziergänger: Was auch immer du nimmst, nimm weniger davon.

Fahrtenbuch Special: Ein fahrdienstlicher Albtraum, aber pädagogisch wertvoll

Im Zyklus der Unterstufe am Schulhaus Grentschel ist heute Der kleine Nachtexpress eingeplant. Da es grosses Potential für einen Projektmorgen birgt, ist es mittlerweile ein fester Bestandteil der Jahresplanung meiner Frau. Ebenso grosses Potential besitzt dieses Buch, die Fachkräfte von morgen mit fahrdienstlichen Tätigkeiten in Berührung kommen zu lassen. Diese Chance lasse ich mir nicht entgehen, frei nach dem Motto Wenn schon dann schon wurde kurzerhand Opas LGB von unserem Garten ins Klassenzimmer transferiert, inklusiv Signale und Zugpersonal Ausrüstung. Was bei der Planung nach einem ausgereiften Vorhaben aussah, entpuppte sich bei der Durchführung als fahrdienstlicher Albtraum, wie die folgende Chronik der Ereignisse dokumentiert.

  • Nachtexpress (NEX) 1 fährt pünktlich ab. Doch schon nach der ersten Kurve bleibt der Zug aufgrund einer GFM Störung stehen, der Fachdienst kann die Störung jedoch umgehend beheben.
  • NEX 2 produziert kurz nach der Abfahrt beim Hauptsignal N19 einen Signalfall. Das Signal wird um ca. 15 cm überfahren. Keine Zugsgefährdung. Die Vorgesetzte des Lokführers entscheidet jedoch, das der Lokführer in der Lage ist, weiterzufahren. Bei diesem Entscheid hege ich grosse Zweifel. Kurz darauf werden sie leider bestätigt, da auch das nächste Hauptsignal W78 um 10 cm überfahren wird. Keine Zugsgefährdung.
  • Allgemein fällt mir auf, das die Abfahrtskelle selten FDV-konform geschwungen wird, zuweilen auch bevor das Signal auf grün gestellt ist. Hier sind sicher noch weitere Instruktionen für das Zugpersonal nötig.
  • NEX 3 fährt ohne eine Billetkontrolle los, dabei ist gerade der Nachtexpress auf jeden Franken angewiesen, sind die Personalkosten (für jede Fahrt müssen neue Fachkräfte instruiert werden) nicht unerheblich. Wenigstens wird nun korrekt vor dem Signal angehalten.
  • NEX 4 handelt sich viele Verspätungsminuten ein, da der Verlad von Tieren viel Zeit in Anspruch nimmt. Der Postwagen wird kurzerhand für die Pferdefamilie reserviert, was logistisch für das Zugpersonal eine grosse Herausforderung darstellt. Weil die Lok mittlerweile von einem blauen Elefanten gesteuert wird, ist die Verspätung kaum mehr aufzuholen. Aufgrund der 10i Pause sollte der nächste Umlauf aber wieder pünktlich verkehren können.
  • NEX 5 entgleist beim Ablad von Baumaterial, da die Arbeiter unvorsichtig zu Werke gehen. Zum Glück ist niemand verletzt und auch der Zug scheint intakt zu sein. Das stellt sich leider kurz darauf als Fehleinschätzung heraus, da sich auf den ersten Zentimetern eine Zugstrennung ereignet. Kein Gefahrengut betroffen. Gleis noch fahrbar.
  • NEX 6 muss unterwegs einen Notstopp einlegen, da drei Schweine auf dem Dach des Schlafwagens mitfahren. Nach einer Verlegung in den Postwagen kann der Zug weiterfahren. Lego Bauarbeiter Fred hat mittlerweile die Steuerung der Lok übernommen und kann die Verspätung wieder aufholen.
  • NEX 7 muss die gesamte Strecke mit Fahrt auf Sicht absolvieren, da gegen Ende des Morgens immer mehr Bauten der Schulklasse das Trassee säumen, und dementsprechend sich viele Personen in Gleisnähe aufhalten. Durch einen Arbeiter wird die Verbindung zum Stellwerk unterbrochen, der Fachdienst ist aber schnell vor Ort und kann die Kabel neu verbinden. Es ist kein Ausfallkonzept nötig, mit Einzelmassnahmen konnten die Verspätungen aufgefangen werden.

11:10 fährt NEX 7 in seinen Zielbahnhof ein und meine intensivste und verrückteste Schicht ist endlich zu Ende.

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Schnipsel Schichtarbeit

10 Dinge, die du während einer normalen Arbeitswoche nur beim Schichtarbeiten erleben kannst:

  1. Die Zeitumstellung live erleben
  2. Mit Svea an einem random Mittwoch nach Stuttgart Käsespätzle essen gehen und die Staatsgalerie besuchen
  3. Warme Brötchen der Familie zum Zmorgen mitbringen
  4. Auf der leeren A1 nach Hause düsen
  5. Frühmorgens am Sonntag den letzten Nachtschwärmern begegnen
  6. Ins Bett gehen wenn die Vögel beginnen zu pfeifen
  7. Mit Hausfrauen, Müttern und Rentnern einkaufen
  8. Ein Paket beim 24h Automat um vier Uhr morgens abholen
  9. Mit Noel einen Mitternachtssnack kochen
  10. Überall und jederzeit einschlafen können

Hier noch ein interessanter Artikel zum Thema: Schichtarbeit (srf.ch)

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Puffer Teil 7: Der Rangierbahnhof

Blick auf den Rangierbahnhof Basel vom Stellwerk West (Eigenes Foto)

Willkommen im RB Basel SBB!
„Rangierbahnhof“ ist sicher einigen von euch ein bekannter Begriff. Aber wisst ihr was da eigentlich genau gemacht wird? Eben. In diesem Beitrag werde ich einen meiner Arbeitsplätze bei der SBB vorstellen und erklären. Der Rangierbahnhof Basel SBB dient hier als Beispiel, da ich selbst dort gearbeitet habe und dieser Bahnhof fast alle Merkmale eines typischen Rangierbahnhofes hat.

Beginnen wir mit einer kurzen Vorgeschichte. Der Rangierbahnhof Basel RB I (rechts im Bild) wurde 1933 eröffnet, da der bestehende Güterbahnhof in Basel nicht mehr den Anforderungen der Zeit gewachsen war. In 1976 wurde der RB I ergänzt durch den Bau des RB II direkt nebendran. Nach der Eröffnung des RB II wurde der RB I modernisiert.

Der Rangierbahnhof Basel SBB ist ein sogenannter „Zweiseitiger Rangierbahnhof“. Das bedeutet, es sind praktisch 2 Bahnhöfe nebeneinander mit den Verkehrsströmen in gegenseitiger Richtung. Der Bahnhof ist vor allem im internationalen Güterverkehr tätig, und wird von der Abteilung Infrastruktur der SBB betrieben. Aufgrund eines EU Gesetzes darf der Bahnhof nicht zu SBB Cargo gehören, da dies den fairen Wettbewerb zwischen internationalen Bahnunternehmen stören würde.

Verkehrsströme im Rangierbahnhof

Mithilfe eines schematischen Gleisplans und meinen eigenen Ergänzungen werde ich nun die grundlegenden Funktionen des Rangierbahnhofes erläutern.

Wie vorhin erwähnt besteht der Bahnhof aus zwei Seiten. RB I im Süden, und RB II im Norden. Diese sind wiederum aufgeteilt in Gleisgruppen, jede Gleisgruppe hat einen Buchstaben. Es gibt folgende Arten von Gleisgruppen:

Einfahrgruppe
Hier kommen Züge von der Strecke an. In Basel sind das die Gruppen E (Echo) und A (Alpha). Transitzüge fahren entweder direkt weiter über die Süd-Ost Umfahrung (Blau im bild) oder über die Nord-West Umfahrung (Grün). Häufig wird in der Einfahrgruppe auch ein Lok & Personalwechsel durchgeführt. Eine Zug mit einer französischen Lokomotive zum Beispiel fährt nur bis zur A Gruppe, dort übernimmt dann ein schweizer Triebfahrzeug.

Züge, die Wagen mit unterschiedlichen Destinationen haben werden in der Einfahrgruppe für den Ablaufberg vorbereitet. Dieser Prozess nennt sich „Langmachen“. Das Triebfahrzeug wird entkuppelt und die Wagen anschliessend mit Hemmschuhen (A Gruppe) oder fest verbauten Haltebremsen (E Gruppe) gesichert. Die Luftbremsen der Wagen werden geleert und gelöst, damit sie später den Ablaufberg korrekt hinunterrollen. Dort, wo Wagen getrennt werden, müssen wir die Kupplungen lockern und die Luftschläuche für die Bremsen trennen und versorgen. Anhand einer Liste weiss der Langmacher genau welche Wagen zusammengehören und welche getrennt werden. Ist das Langmachen beendet, wird dies dem Ablauf-Leiter gemeldet und der Zug ist bereit für den Ablaufberg. Wie genau der Ablaufberg funktioniert, folgt weiter unten.

Richtungsgruppe
In die Richtungsgruppen B (Bravo) und F (Foxtrott) laufen die sortierten Wagen nach dem Ablaufberg. Dort werden die Wagen zu neuen Zügen zusammengekuppelt, und Bremsproben mithilfe stationärer Bremsprüfgeräten durchgeführt.

Ausfahrgruppe

Ist ein neuer Zug fertig gekuppelt und vorbereitet, werden diese mit der Rangierlok in die Ausfahrgruppen D (Delta) und G (Golf) gezogen. Dort wird die neue Streckenlokomotive gekuppelt und übernimmt den Zug für seine Weiterreise.

Der RB I behandelt also den Nord-Süd Verkehr, der RB II in die entgegengesetzte Richtung. Dies hat den Vorteil das sich die Verkehrsströme nicht kreuzen, was eine höhere Leistungsfähigkeit gegenüber einseitigen Rangierbahnhöfen ermöglicht.

Eckverkehr Süd-Süd

Gibt es Wagen, die z.B. vom Süden kommen und wieder nach Süden zurück müssen, nennt man dies „Eckverkehr“. Die betroffenen Wagen durchlaufen den normalen Prozess von der E Gruppe über den Berg und werden in den sogenannten Eckgleisen in der Richtungsgruppe gesammelt. Anschliessen werden sie gekuppelt und von dort mit einer Rangierlok in die A Gruppe gezogen. Dort werden sie langemacht, und durchlaufen erneut ein Ablaufberg. Anschliessen werden die Wagen neu formiert in einen Zug zurück Richtung Süden. Vom Norden läuft der Prozess ähnlich, einfach in die umgekehrte Richtung.

Andere Gleisgruppen

Zusätzlich zu den schon erwähnten Gleisgruppen gibt es noch einige für verschiedene Zwecke. Diese variieren je nach Rangierbahnhof.

Gruppe R (Romeo): Mitten im Rangierbahnhof Basel befindet sich eine Werkstatt für die Reparatur von Güterwagen. Die Gleise der R Gruppe sind für die Zufahrt in die Werkhallen und als Abstellgleise gedacht.

Gruppe C (Charlie): Gleise der C Gruppe dienen hauptsächlich als Abstellplätze für Baustellen Dienstwagen.

Gruppe K (Kilo) & T (Tango): Abstellplätze für Wagen, Lokomotiven, Baumaschinen

Manche Rangierbahnhöfe (z.B. Mannheim) haben auch Gleise für den Verlad von Gütern. Im RB Basel gibt es keine möglichkeiten für das Verladen auf Wagen, dies geschieht im Güterbahnhof vis-à-vis vom Personenbahnhof Basel SBB.

Der Ablaufberg

Das zentrale Element des typischen Rangierbahnhofes ist der Ablaufberg. Dies ist auch in Basel der Fall, hier gibt es sogar zwei Ablaufberge. Es gibt verschieden Ausführungen von Ablaufbergen, aber das Prinzip ist grundsätzlich dasselbe.

Schematische Darstellunge eines Ablaufberges
Christian Lindecke, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Der Prozess des Langmachens wurde bereits erklärt. Nun gehts dort weiter. An den langemachten Zug wird hinten eine Rangierlok angekuppelt. Diese schiebt nun die Wagen langsam gegen den Ablaufberg. Ist eine Wagengruppe an der Spitze des Berges, werden die gelockerten Kupplungen vom Rangierarbeiter mit einer Entkupplungsstange ausgeworfen. Anschliessend rollen die Wagen den Berg auf der anderen Seite wieder hinunter, und werden durch die Weichen in das richtige Gleis gelenkt. Verteilt auf dem Berg sind Gleisbremsen, die die Geschwindigkeit der Wagen wenn nötig korrigiert. Radar und Lichtschranken sind auch auf dem Berg vorhanden, um den Prozess zu überwachen und zu kontrollieren. Erkennt der Radar, dass ein Wagen zu schnell läuft, wird dies mit der nächsten Bremse korrigiert.

Der Ablaufberg ermöglicht es 750m lange Züge in nur wenigen Minuten komplett zu zerlegen. Würde man dies manuell mit einer Rangierlok machen, würde es Stunden dauern.
Die Ablaufberge in Basel sind beide Rechnergesteuert, das heisst es müssen keine Weichen oder Bremsen von Hand mehr bedient werden. Beim Berg im RB-1 (A Seite) übermittelt der Ablaufrechner laufend die korrekte Geschwindigkeit (vSoll) and die Rangierlok. Der Lokführer sieht auf einem Display die Geschwindigkeit und passt diese entsprechend an.

Damit man sich den Prozess ein wenig besser vorstellen kann, hier ein Video vom Berg im RB-I:

Von „Miro Freestyle Channel“ auf Youtube

Der Berg im RB-II (E Seite) funktioniert ein wenig anders. Hier wird keine Rangierlok mehr benötigt. Die Einfahrgleise und der Berg liegen alle in einem Gefälle, was bedeutet das die Wagen von alleine über den Berg rollen. Auch hier sind Radare, Lichtschranken, und Gleisbremsen verbaut um den Prozess zu steuern. Leidiglich für das Auswerfen der gelockerten Kupplungen und zur Überwachung werden noch Mitarbeiter benötigt, Lokführer braucht es keinen mehr.

Sind alle Abläufe beendet, werden von Kupplern die Züge zusammengekuppelt. Anschliessend wird das Gleis für weitere Abläufe gesperrt (gesichert) und der Zug von einem technischen Kontrolleur (Visiteur/Visiteurin) überprüft und vorbereitet. Der neu formierte Zug ist nun bereit für die Ankunft der Streckenlokomotive und die anschliessende Weiterfahrt.

Fahrdienstleiter im Rangierbahnhof
Aufgrund der Grösse und Verkehrsdichte von Rangierbahnhöfen sind diese grundsätzlich mit eigenen Fahrdienstleitern ausgerüstet. Im RB Basel sind diese vor Ort, in den Stellwerken Ost und West. Der Rangierbahnhof wird also nicht von Daves Arbeitzplatz, der BZ Mitte in Olten, aus bedient.

Abschliessend noch ein paar Impressionen aus meiner täglichen Arbeit im RB Basel 😀

Ablaufberg A-Seite am Abend
Winterbetrieb zwischen B & D Gruppe
Eurosprinter Dreifachtraktion, Ausfahrgruppe Golf
Zerlegeliste für Langmacher
Regnerischer Spätdienst, Zwischen F & G Gruppe
Am 843 bei nacht, Richtungsgruppe Bravo
Am 843 Führerstand
Einfahrgruppe Alpha
5x Siemens Vectron, Ausfahrgruppe Delta
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Puffer Extrablatt: Fehmarnbelt Update

Vor fast genau einem Jahr habe ich einen Beitrag über das Bahnprojekt Fehmarnbelt geschrieben. Seither hat sich einiges getan, die Baustelle wächst jeden Tag mehr. WELT Doku hat einen sehr gelungenen Dokumentarfilm gedreht über den stand der Baustelle, diesen empfehle ich jedem der sich für das Projekt interessiert.

Ich kann aktuell noch keine Einzelheiten über den nächsten Beitrag geben, ich bin bei der Themenwahl noch unentschlossen. Aber ich kann versprechen das es sicher interessant wird.

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Puffer Teil 6: Das Zwergsignal

Zwergsignal in Basel SBB (eigenes Foto)

Dieser Begriff wurde in bisherigen Beiträgen schon öfters erwähnt, aber was sind Zwergsignale eigentlich? Und wie funktionieren diese? In diesem Beitrag erkläre ich genau das!

Für mich als Rangierleiter sind Zwergsignale mein bester Freund. Sie erleichtern das Rangieren sowohl für uns als auch für die Fahrdienstleiter enorm. Zwergsignale sind klein, und in bodennähe grundsätzlich links vom Gleis montiert. Nach einem Zwergsignal folgt normalerweise eine Weiche oder eine Kreuzung. Der Formfaktor ermöglicht es Signale für einzelne Weichen und Gleisabschnitte zu verwenden. Würde man dies mit den grossen Hauptsignalen versuchen, hätten wir schnell ein „Chrüsimüsi“.

Die Alternative, die teilweis in kleinen Bahnhöfen noch existiert, ist keine Zwergsignale zu haben. In diesem Bahnhöfen muss jede Zustimmung zur Rangierbewegung mündlich vom FDL an das Rangierteam übermittelt werden und dieses quittiert die Zustimmung entsprechend. Da dies in Bahnhöfen mit vielen Rangiermanövern viel zu aufwändig wäre, wurden die Zwergsignale eingeführt.

Wird vom FDL eine Rangierfahrstrasse eingestellt, stellen die Weichen entsprechend um. Haben alle Weichen ihre korrekte Endlagen erreicht, wechseln alle Zwergsignale entlang der Fahrstrasse auf „Fahrt“. Am Ende der Fahrstrasse zeigt ein Zwergsignal „Halt“, das vorherige „Fahrt mit Vorsicht“. Der Rangierleiter sieht also genau, wo die Fahrstrasse eingestellt wurde und wie weit er fahren darf.

„Fahrt“, „Fahrt mit Vorsicht“, „Halt“, Was bedeuten diese Begriffe und wie sehen sie aus? es ist grundsätzlich sehr simpel. Ein Zwergsignal hat 3 Lampen, und kann 3 Fahrbegriffe zeigen. Jeder Fahrbegriff benötigt 2 leuchtende Lampen.

Halt: Bestehend aus 2 horizontal angeordneten Lichtern. Sämtliche Schienenfahrzeuge haben vor diesem Signal anzuhalten. Dies ist auch die Grundstellung des Zwergsignals

Fahrt: 2 vertikal angeordnete Lichter. Es darf mit der normalen Rangiergeschwindigkeit passiert werden.

Fahrt mit Vorsicht: 2 Diagonale Lichter. Unmittelbar nach dem Signal wird ein Hindernis folgen (Haltesignal, Gleisende, etc). Nach aktuellen Fahrdienstvorschriften muss die Geschwindigkeit vor diesem Signal immer verringert werden.

Jedes Zwergsignal ist auch mit einem Namen angeschrieben. im Bild ganz oben ist dies A57B. Ist ein Zwergsignal gestört, ermöglicht der Namen uns dem Fahrdienst genau zu sagen welches Signal ein Problem hat. Der Name eines Zwergsignales ist häufig auch der Name des Gleises, was die Orientierung erleichtert.

Von AndreasBL (Diskussion) – selbst erstellt, CC BY-SA 3.0, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=7742757

Hier noch als schematische Darstellung ein Beispiel einer Rangierfahrstrasse mit Zwergsignalen. Die Fahrstrasse ist eingestellt von Gleis 4 ins Gleis 34. Jeder kleine Kreis der mit einem Gleis verbunden ist stellt ein Zwergsignal dar. Die Zwergsignale die unsere Fahrstrasse betreffen sind hier gross hervorgehoben.

Obwohl Zwergsignale die Sicherheit im Rangierbetrieb massiv verbessern, haben sie sich in anderen Ländern nur teilweise durchgesetzt. In Deutschland haben sogenannte Lichtsperrsignale eine ähnliche Funktion.

Zwersignale in Villeneuve, Eigenes Foto

Befinden sich Zwergsignale in einem ETCS Level 2 Bereich (wie z.B. hier in Villeneuve), leuchten diese Blau. ETCS Zwersignale sind nur gültig für Rangierfahrten, für Zugfahrten sind diese ohne Bedeutung.

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