Fahrtenbuch: Was hat die Nacht mit dem Schlaf zu tun? Teil 1

Im Kommandoraum der BZ Mitte herzlich wenig. Das würde ich John Milton, seines zeichens englischer Dichter, aus den Erfahrungen der letzten Tage antworten. Sinnvollerweise beinhaltet unser Ausbildungsplan zwei mal eine Nachtschichtwoche, die erste ist soeben zu Ende gegangen. Weniger sinnvoll war die Planung, zeitgleich fanden noch Instruktionen für die frisch gebackenen Fahrdienstleiter statt. So blieben nicht mehr viele Arbeitsplätze übrig. In der ersten Nacht wurde ich regelrecht herumgeschoben, und landete für die letzten vier Stunden in Olten Nord. Auch das nur semi intelligent, weil dieser Knotenpunkt recht komplex ist und wir nicht sehr viel ausrichten können mit unserem Bildungsstand. Schlussendlich sollte es sich aber als Glücksfall erweisen, ich sass neben dem erfahrenen Fahrdienstleiter Andreas und wir kamen schnell ins Gespräch. Er bat mir an, ihn in der nächsten Nacht ins Freiamt im Sektor Aare zu begleiten, dort könne ich definitiv mehr machen. Meine Schulkollegin Paula schaute am nächsten Abend ziemlich verwirrt drein, als ich in „ihrem“ Sektor Platz nahm. Andreas sollte Recht behalten. In Lupfig, Othmarsingen, Brugg und Dottikon wurde bis in die frühen Morgenstunden rangiert. Zu Beginn hatte ich Mühe, mich in all den neuen Bahnhöfen zurechtzufinden. Dafür ging die Zeit vorüber. Müde aber zufrieden machte ich mich mit unserer Biene auf dem Heimweg. Dank den leeren Strassen schaffte ich es von Olten in 45 Minuten nach Hause, neuer Rekord! Zum Glück stellt die Kantonspolizei Solothurn die Blitzer immer am selben Ort auf..

Die weiteren drei Tage war ich in der Önz eingeteilt, Olten-Rothrist bis Langenthal. Nach halb elf wurde es auch hier ruhig. Dafür gab es ein paar Baustellen zu sichern, das konnte ich schon selbstständig machen. Kniffliger waren die Fahrleitungsschaltungen, die bereiten mir immer noch Kopfzerbrechen. Bei einer Schaltung hatte auch mein Instruktor Fabio Fragezeichen, ob unsere Sicherung korrekt sei. Am Schluss konnte unser Disponent (quasi der Chef im Sektor) das Rätsel von Schalter sechs lösen und der Bautrupp konnte pünktlich anrücken.

Die grosse Herausforderung in der Nachtschicht ist es, vom reinen Überwachen zur vollen Aufmerksamkeit zu wechseln. Als passendes Beispiel dazu: In Rothrist meldete sich Sicherheitschefin Vreni, um mit einem Schienenbagger zu rangieren. Sofort sprang bei Fabio und mir die Alarmleuchten an. Ein solches besonderes Fahrzeug muss angemeldet und sein Fahrweg speziell gesichert werden. Auf unserem Stellwerk wird es nicht korrekt angezeigt, da der Achsenabstand zu gering ist. Es könnte überall und nirgends sein und wir würden nicht bemerken, ob wir einen Zug oder Rangier in seine Fahrbahn stellen. Umgehend sicherten wir das Gleis auf dem Vreni mit ihrem Gefährt stand, und gaben ihr leicht genervt eine Instruktion für das nächste Mal. Wenigstens war ich danach wieder hellwach und konnte einen Kaffee auslassen.

Fahrtenbuch Teil 8: Simulatortag

Obwohl wir regelmässig im Sektor arbeiten, sind wir wenns interessant oder spannend wird meist aussen vor. „Sorry, das muss ich jetzt machen, rutsch rüber.“ heisst es dann verständlicherweise. Es muss schnell gehen und dann bleibt keine Zeit für Erklärungen. So wie letzte Woche, als bei der Ausfahrt in Solothurn auf der Aarebrücke ein Schwan den Zugverkehr lahmlegte. Der Lokführer hat ihn dann mit einer Stange verscheucht (übrigens sei das kein Einzellfall sondern trägt die inoffizielle Bezeichnung Schwanensee in Solothurn). Wie können wir nun den Ernstfall üben? Dazu gibt es Simulatortage im LTS (Lern- und Trainingssimulator). Wie so ein Tag abläuft möchte ich euch gerne näher bringen.

Das Datum 24.6.2021 verfolgt jeden ZVLA bis in seine Träume, das ist der sich immer wiederholende Tag des Simulationsprogramms. In diesen Träumen fahren wir durchs Rheintal, durch die March dem Walensee entlang bis nach Chur, das Gebiet des LTS. Obwohl landschaftlich sehr schön, würde keiner von uns geschenkt in diese Regionen ziehen, zuviel Blut Schweiss und Tränen sind damit verbunden, zumindest metaphorisch. Die Arbeitsplätze sind wie in echt, dienen sie auch als Reserve wenn beispielsweise die BZ in Lausanne ausfallen würde.

Zu Beginn jeder sogenannten Fahrplanrunde bekomme ich einen Abschnitt zugewiesen und habe noch ein paar Minuten Zeit, mich einzurichten. Bald schon klingelt das Telefon und ein fiktiver Lokführer, Sicherheitschef oder Rangierleiter meldet sich und möchte etwas von mir oder meldet eine Störung. Nach vier Monaten muss ich nicht mehr panisch nach dem passenden Bahnhof suchen und auch der laufende Fahrplan wirkt nicht mehr so bedrohlich. Die Versuchung ist jeweils gross, sofort zu reagieren und die Aufgabe möglichst schnell abzuhandeln, schnell geht dabei eine Sicherung oder ein Checklistenpunkt vergessen. Vom Ausbilder wird alles peinlich genau dokumentiert, sich rausmogeln geht nicht. Also zuerst einmal durchschnaufen, wir haben oft ein wenig mehr Zeit als in der Realität. Meist lohnt es sich, zwei mal zu überlegen, weil es manchmal auch eine einfachere Lösung gegeben hätte. Stressig wird es, wenn etwas nicht funktioniert, ich einen schweren Fehler produziere oder mich verhasple. Die Züge stauen sich, die Verspätungen greifen auf die Bereiche meiner Kollegen*innen über und in all dem Durcheinander übersehe ich die offensichtlichsten Angaben oder Hinweise. Schnell sehe ich eine Welle nach der anderen auf mich zukommen und die nächsten Fehler sind die Folge. Wenn es gut läuft ist es dafür ein sehr schönes Gefühl, wie früher als man Marienkäfer – Kleberli für eine gute Hausaufgabe bekommen hat. Doch manchmal trügt der Schein. In der anschliessenden Besprechung in der Kleingruppe werden alle Fälle bis ins Detail seziert und ausgewertet. Hier geht es nicht um das öffentliche Blossstellen, sondern das wir aus Fehlern lernen können. Die Ausbilder*innen sind sehr direkt und ehrlich, nichts wird schöngeredet oder zurechtgebogen. Manchmal suchen sie mir zufest nach dem Haar in der Suppe (es gibt immer eines), aber meistens sind wir motiviert, es das nächste Mal besser zu machen. Danach folgt die persönliche Reflexion und Dokumentation. Nach 4-5 Fahrplanrunden bin ich jeweils fix und foxi und bin froh, dass ich nach der Prüfung nie mehr das Rheintal bedienen muss.

Ein Auszug meiner Dokmentation, meistens mit Tendenz zum Besseren

Fahrbereitschaft Teil 5: Bitte warten sie in den zugewiesenen Sektoren

Bitte warten… nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. Doch vom bestandenen Eignungstest bis zum finalen Entscheid sollten nochmals drei Monate vergehen. Als letzte Hürde stand der Schnuppertag in der BZ Olten an. „Was soll jetzt noch gross schiefgehen?“ wurde ich oft gefragt. Alles! Meine Erfahrung aus dutzenden Bewerbungsprozessen hat mich Eines gelehrt, es ist erst entschieden wenn die Tinte auf dem Vertrag trocken ist. Obwohl Personalentscheide eines der heikelsten Themen jedes Unternehmes oder jeder Schule sind, wird ihnen oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Satzbehälter der Kaffeemaschine wird zuweilen mehr Sorge getragen als zu Bewerbungen. So konnte der Schnuppertag nicht schnell genug kommen. Eine Woche vor dem Termin erhielt ich einen Anruf, ob es mir möglich wäre meinen Termin zwecks dringender Kandidaten zu verschieben. Da ich ja erst im Oktober beginnen würde, war das ein durchaus legitimes Anliegen. Als Meister des Zen Buddhismus und geübt in Geduld stimmte ich natürlich sofort zu. Selbstverständlich macht es mir nichts aus, noch einen Monat länger zu warten. Nein kein Problem. Ja gerne geschehen. Obwohl ich vielleicht ein wenig Goodwill gewonnen hatte (ich redete es mir zumindest ein) fluchte ich wie ein Rohrspatz als ich aufgehängt hatte. Bitte warten.

Dann war es endlich soweit, am 10.2.22 stand mein Schnuppertag an, den ich glücklicherweise trotz Corona Restriktionen absolvieren konnte. Dezent nervös wartete ich am Empfang und wurde von Yara pünktlich abgeholt. Ich muss gestehen, dass ich vom ersten Teil der Führung durch die BZ nicht allzu viel mitbekommen habe. Ob es an den vielen neuen Eindrücken oder an Yara lag, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei eruieren. Als wir durch den Kommandoraum eine Runde drehten, dämmerte es mir langsam, dass ich in einem Jahr vielleicht genau hier sitzen werde. Ich versuchte angestrengt, meine Vorfreude im Zaum zu halten und stellte viele schlaue Fragen. Im 2. Teil erhielt ich von ZVLA Simon eine Einführung ins Iltis System im Simulator und auch er wurde mit schlauen Fragen gelöchert. Zum Abschluss folgte nochmals ein Gespräch mit einem möglichen zukünfitgen Teamleiter und ich hatte den Eindruck, dass wir uns recht gut verstanden haben. Er spiegelte mir diesen Eindruck auch zurück und vertröstete mich auf nächste Woche, dann sollte ich den definitiven Entscheid erhalten. Bitte warten.

Am Hangover- Montag nach dem Superbowl rief mich Eline an: „Wir würden dich sehr gerne als ZVLA bei uns anstellen, bist du dabei?“ – „Ja klar!“ brachte ich gerade noch so heraus. Wir besprachen noch ein paar Formalitäten und nach zwei Minuten und zwei Sekunden waren die Weichen für meinen neuen beruflichen Weg gestellt. Natürlich freute ich mich riesig aber gleichzeitig fühlte ich auch eine grosse Leere nach dieser ganzen Anspannung. Das war eine sehr spezielle Erfahrung. Dieser Entscheid wurde mit meiner Familie natürlich gebührend gefeiert. Hatten speziell sie auch einen grossen Anteil daran, dass es überhaupt möglich wurde. Während eines feinen Znachts auswärts versuchte ich die kommenden Veränderungen für unser Familienleben zu skizzieren, die in der Euphorie aber untergingen. Ich habe es versucht. Nach einer Woche kam der Vertrag und als die Tinte trocken war, hiess es wieder einmal: Bitte warten.

Prellbock Teil 5

Dinge aus meinem alten Beruf die ich höchstwahrscheinlich nie mehr machen werde Teil 5:

An der Teamsitzung 30 min über den Untergang des Abendlandes diskutieren / sich das Gejammer der Hauswirtschaftslehrerin anhören, weil die Jugendlichen nicht mehr wissen welche Früchte wann Saison haben / Stellvertretungen selber organisieren während man mit Grippe und 39,5+ im Bett liegt / das Gelaber des „ich weiss es besser als die Kursleitung“ während Weiterbildungen ertragen / Fötzelä / neidisch auf das Schoggileben der Sport- und Gestaltungslehrer sein / Runde Tische mit Schulleitung, Klassenlehrerin, Therapeuten, dem Goldhamster und dem Kind leiten / den hochtoxischen Chemieschrank um den sich 10 Jahre Jahre lang niemand gekümmert hat fachgerecht entsorgen / Schüler während einer Theatervorstellung ruhig stellen, die ich selber schlecht finde / Lagerbeiträge, Schulreisegeld und Budgets im Umfang eines mittelgrossen Betriebes verwalten / Realisieren, dass die Performance des Hedgefonds (in den ich all dieses Geld investiert hatte) nicht das gehalten hat, was er Anfangs versprach / einen Grossteil aller Lehrerausflüge, Weichnachtsessen und Apéros aus dem eigenen Sack bezahlen

Aber auch: Nie mehr an der Sek-1 Game-Night gegen meine Kollegen*innen Mario Kart fahren

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Fahrtenbuch Teil 7: An der langen Leine

„Hallo, nimm gerade Platz!“ verwirrt verneine ich die Aufforderung des Kollegen. Verwirrt darum, weil verschiedene Dinge nicht sind wie sie sein sollten. Es ist mein vierter Tag in Serie derselben Schicht im Abschnitt Gäu/Weissenstein. Normalerweise ist nur ein Arbeitsplatz online weil beide Bereiche zusammengefasst sind, aber nun laufen beide separat. Am meisten aus dem Konzept bringt mich der Arbeitsplatz mit nur einem Stuhl, arbeite ich doch immer mit einer Begleitung neben mir. „Ähmm das ist ein Missverständnis, ich bin erst seit Oktober hier und kann noch nicht alleine arbeiten weil ich…“ – „Ja so lernst du es, du nimmst das Gäu und ich Weissenstein, keine Bange ich höre immer noch zu wenn etwas ist.“ erwiedert Instruktor Dario. Er steckt das längere Telefonkabel ein und zieht es bis zu seinem Arbeitsplatz. „Was machst du denn da?“ versucht abermals mein Verstand einzuwenden. Zu spät. „Du kannst das, du wirst sehen es macht sogar Spass“, sagt Celine die neben mir im Önz sitzt. Es ist allgemein schwierig, einer Frau zu widersprechen und so bete ich zu jedem (oder jeder) der zuhört, dass sie recht hat.

Nachdem ich die anfängliche Nervosität überwunden habe merke ich, dass ich mich schon besser zurecht finde als Anfangs Woche. Ich muss nicht mehr alle Gleise aufschreiben sondern kann zuerst mal zuhören und muss nur das Nötigste notieren. Trotz der Kälte und Regen sind sämtliche Rangierleiter heute Abend bester Laune und als ob sie es wüssten, sind sie besonders nett zu mir. Sie sprechen langsam und deutlich und müssen sich nur zwei mal wiederholen. „Kann ich den schicken?“ frage ich Dario als ein Rangier in Oensingen einmal quer über den Bahnhof möchte. „Das kannst du entscheiden.“ Lange überlegen ist meistens nicht drin, so werfe ich innerlich eine Münze und stelle die Fahrstrasse ein. Es reicht locker und ich bin froh den IC5 nicht ausgebremst zu haben. Dario hat bei mir exakt die Schwelle zwischen Unter- und Überforderung gefunden und so werden es die intensivsten, aber auch besten Stunden im Sektor. Ich bemerke erst, dass die Schicht zu Ende ist als die Ablösung kommt.

Auf dem Nachhauseweg kommt mir eine Vorlesung aus meinem nicht sehr erfolgreichen Psychologiestudium in den Sinn. Die Theorie des Flow von Mihaly Csikzentmihalyi. Er interviewte Sportler, Künstler, Denker und fragte sie zu Beginn immer diesselbe Einstiegsfrage: „Was erlebst du wenn es wirklich gut läuft?“ Seine Vermutung war, das die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen würden, aber er irrte sich. Der Inhalt der Antworten folgte einem Muster. Die Probanden beschrieben ein Erleben, in dem man voll in dem aufgeht, was man gerade tut. Ein reizvoller Zustand, in dem das Handeln selbst motiviert — und die Belohnung danach keine Rolle spielt. (Quelle nowtation.com) Danke Dario für mein Flow-Erlebnis!

Flow Theorie

Impressionen aus dem Unterricht und der Arbeit Nov – Dez

Chlaustag im Sektor Mittelland mit 9 verschiedenen Guetzli-Sorten
Fensterplatz beim Lernen
Während der Heimfahrt die eigene Verspätung verfolgen, nur noch halb so schlimm
Unsere Erkenntnisse nach einer Simulatorrunde
Passendes Adventskalender – Geschenk von Anouk
Eine Schulkollegin hat vorgeschlagen, aus meinem Blog-Namen eine Tele-Novela zu machen, hier schon mal das Titelbild
Game of Thrones Eselsbrücke für die 7 Zielpunkte bei Rangierfahrten auf die Strecke
Natürlich bin ich mittlerweile immer Schuld..
Lofi – Cat von Lofi – Girl, sie machen die besten Chillmixes zum Lernen Hier gehts zu Lofi-Girl

Fahrbereitschaft Teil 4: Signalanstoss

„Du, also hmm, ich brauche einen neuen Job..“ Diesen Satz hat mein Umfeld in den lezten 22 Jahren zu oft gehört, vereinzelt gezwungenermassen. Wie bereits in den vorherigen Beiträgen in Fahrbereitschaft erwähnt, habe ich es selten mehr als drei Jahre an einem Ort ausgehalten. Berechtigterweise könnte mir fehlender Durchhaltewillen attestiert werden. Ich persönlich habe nicht den Eindruck, dass das der Hauptgrund ist, bin ich doch zum Beispiel seit diesem 20. November schon 23 Jahre meistens glücklich verheiratet (zur Überprüfung dieser Angaben wendet euch bitte an meine Frau).

Lange konnte ich mir diese sich einschleichende Unruhe nicht erklären. Es kam mir vor wie der Signalanstoss. Das Stellwerk hat diese Funktion, wenn es ein Signal auf Fahrt stellen möchte, weil alle Bedinungen zur Fahrt erfüllt sind, es aber noch unseren Ankick braucht.

Doch woher kam bei mir dieser Signalanstoss? Welche Kraft trieb und treibt mich an? Eine ziemlich plausible Erklärung fand ich auf einem Schulausflug (Irony-off). Zwecks Rekognoszieren besuchte ich mit meinen Kindern die Ausstellung „Heimat“ im Stapferhaus Lernzburg. Vielleicht waren einige von euch auch dort. Das zentrale Thema dieser fantastisch umgesetzten Installation war das Riemann-Thomann Modell.

Ganz kurz zusammengefasst basiert dieses Modell auf der Annahme, dass es im Leben von jedem Menschen vier Grundausrichtungen gibt. Der Begriff „Grundausrichtung“ kann vereinfacht als ganzheitlicher Zustand, bei dem sich ein Wohlgefühl für den jeweiligen Menschen einstellt bzw. dieser Wohlfühlzustand angestrebt wird, beschrieben werden (aus Wiki).

Diese vier sind jeweils in gegensätzliche Paare eingeteilt: Nähe-Distanz, Dauer -Wechsel. Am Ende von „Heimat“ bekam man sein persönliches Profil und drei mal dürft ihr raten was ich für ein Ergebnis ich erhalten habe.

Es ist zwar nur eine Theorie aber für meine Ausgangsfrage lieferte sie mir eine schlüssige Erklärung. Nicht immer ist es einfach damit umzugehen, für näheres Umfeld ganz zu schweigen (fragt abermals meine Frau für genauere Angaben). Aber trotz der Menge des Lernstoffes, der Zwischenprüfung die vor der Türe steht und den langen Tagen stellt sich bei mir immer mehr dieser Wohlfühlzustand ein. Es brauchte nur einen Signalanstoss. Wisst ihr was das Tolle an dieser Funktion ist? Sie kommt von alleine.

Fahrtenbuch Teil 6: Kritisch>

Mit diesem Befehl wird im Stellwerk eine Funktion angewendet, bei der das Stellwerk eigentlich nicht einverstanden ist, weil sie dem normalen Betrieb zuwider läuft. Keine Angst, es wird nicht technisch sondern in diesem Beitrag soll es darum gehen, womit ich trotz aller Faszination und Begeisterung nicht immer glücklich bin.

1. Die Gestaltung des Unterrichts: Hier ist mein langjährig geschultes methodisches Auge nicht immer hilfreich. Leider werden in unserem Unterricht mit zwölf Schülern und meistens zwei Lehrern die paradisischen Verhältnisse nicht immer optimal ausgenutzt. Gruppenarbeiten sind an sich schon kritisch, wenn wir aber in einer Gruppe ein komplett neues Thema zum ersten Mal anschauen macht das wenig Sinn. Wie sollen wir wissen ob es richtig ist? Auch habe ich nett formuliert Fragezeichen wenn wir zu zweit am Simulator sitzen statt Halbklassen zu machen. Die meisten Instruktoren sind zwar sehr nett und fachlich sehr kompetent, aber oft auf den letzten Drücker vorbereitet. Schwellenplanung (der Lehrer überlegt sich was er heute macht wenn er über die Schwelle des Klassenzimmers schreitet) war auch für mich kein Fremdwort aber während dem Powerpoint-Folienwechsel den Inhalt aufzuarbeiten, das ist schon next Level. Gleichzeitig wird fast immer betont, wie knapp die Zeit ist und wieviel Stoff wir bearbeiten müssen. kritisch>

2. Die Arbeit im Sektor: Wie schon erwähnt sind die Intruktoren unterschiedlich motiviert uns zu instruieren, ob wohl sie vertraglich dazu verpflichtet wären. Es würde aber wenig bringen, vor allem bei alteingesessenen Bähnlern, darauf zu pochen, weil a) bin ich ein grünschnabel und b) ich nachher noch Jahre mit ihnen zusammenarbeiten muss. Es gibt immer einen Unterschied zwischen Praxis und Theorie, aber die Vorschriften werden teilweise schon sehr kreativ interpretiert. Ich habe vom Ausbilder den wertvollen Tipp bekommen, mich einfach selber zu organisieren und so habe ich statt im Sektor zu arbeiten mein Zeugs gepackt und bin lernen gegangen. Natürlich wird das Verhalten der unwilligen Instruktoren damit noch belohnt, aber ich muss sie zum Glück nicht mehr erziehen. Trotzdem kritisch>

3. Die digitale Organisation: Grundsätzlich ist es ja sehr zu begrüssen, dass alles digital ist. Grüsse gehen raus an die Stadtschulen Solothurn, die Onenote schon seit vier Jahren eingeführt haben. Ich bin sehr froh, dass ich dieses Programm schon kenne und nun für mein Lernjournal optimal nutzen kann. Keine Ordner und kein Papier rumtragen ist schon sehr praktisch. Leider sind wir einer der ersten Jahrgänge die so arbeiten, dementsprechend muss alles in verschiedenen Ordner zusammengesucht werden. Es gibt zwar einen Abschnitt Hausaufgaben, die können aber auch in den einzelnen Modulen versteckt sein und man entdeckt sie erst, wenn es schon zu spät ist. kritisch>

4. Die schöne Verpackung oder Rebeka lässt grüssen: Wie Josef Hader treffend formuliert hat, vieles sieht im Prospekt immer schöner aus, die Akropolis, die Mona Lisa und das Leben im allgemeinen. So ist es auch mit der ZVL Ausbildung. Es ist strenger, aufwändiger und emotional eine grössere Herausforderunn als ich zuerst angenommen habe. Meine Freizeit schmilzt wie ein Schneemann im Frühling (was sicher auch den Umständen geschuldet ist das ich nicht mehr Teilzeit arbeite, aber nicht nur) und am Abend fallen mir die Augen zu beim Serie schauen. Das ist mir vorher nie passiert. Den passenden Rythmus habe ich noch nicht gefunden. Übrigens hat Rebeka tatsächlich in der BZ Mitte gearbeitet, sie hat aber schon seit ein paar Jahren einen neuen Job ausserhalb der SBB. >kritisch

Trotz aller Challenges, wisst ihr, welcher Befehl meistens auf kritisch> folgt? BAR.

Das ist doch eine Perspektive!

Fahrtenbuch Teil 5: Was machst du eigentlich genau?

Diese Frage folgt meist auf die Frage aus Teil 4. So grob habe ich es den meisten schon einmal erklärt, aber was es denn nun genau heisst und warum es schwieriger ist als es auf den ersten Blick vielleicht aussieht erläutere ich am besten einmal an einem Beispiel. Ich hoffe es ist verständlich. Dieses hatte ich gerade heute im Simulator (ich habe es übrigens erst im 3. Anlauf fehlerfrei gemeistert). Wir haben hier den Bahnhof Nieder-Oberurnen (NOU) im Glarnerland. Er hat verschiedene Schwierigkeiten auf seinen wenigen Geleisen vereint, aber das Nervigste an NOU ist, das er keine Zwersignale hat. Diese erleichtern das rangieren ungemein, weil mit ihnen können einfache Rangierwege an den Hauptsignalen vorbei gezogen werden und sie stellen automatisch die Weichen richtig ein.

Ein Zwergsignal (pixabay.com)

Nicht so in NOU, hier wird eine einfache Aufgabe die zum Beispiel in Solothurn mit ein paar Klicks erledigt ist zu einer wahren Herausforderung. Die Aufgabe ist folgende:

In Gleis 2 steht eine Rangierlok mit 3 Wagen. Nun will die Lok die Wagen in Richtung Ziegelbrücke ZB einmal umfahren um anschliessend in Richtung Näfels NAEF wieder an die Wagen dranzufahren

1. Ich muss den automatischen Betrieb (AB) ausschalten, da es sich um ein Relais-Stellwerk aus dem Jahr 1969 (ja tatsächlich 1969!) handelt. So kann mir keine normale Zugfahrstrasse zum Beispiel von der S-Bahn automatisch in meinen Bahnhof in Gleis 3 stellen. Das würde alle Weichen wieder umstellen und könnte im dümmsten Moment zu einer Entgleisung führen.

2. Die zweite Hürde ist der Funk, normalerweise quittiere ich jeden Funkspruch als Kontrolle, das gilt als Zustimmung und ich stelle den Rangierweg ein. Nicht in NOU, hier ist das verboten! Der Rangierchef verlangt: In NOU möchte ich von Gleis 2 Richtung ZB einmal umfahren. Ich muss sagen: Verstanden, warten. Wenn ich den Wunsch des Rangierleiters einfach quittiert hätte: durchgefallen.

3. Ich muss ich alles von Hand einstellen, die Weichen, den Bahnübergang (sehr wichtig, geht oft vergessen!) Dann funke ich wieder zurück: In NOU vom Gleis 2 ins 23 ist eingestellt. Ihr habt vielleicht bemerkt, das er erst einen Teil seiner verlangten Strecke fahren kann. Was bei einem anderen Bahnhof mit Speicher geht, kann ich hier nicht machen, sondern das Ganze wiederholt sich noch zwei mal (Bahnübergang!) bis es geschafft ist. Endlich ist die Lok am richtigen Ende. Aber die Aufgabe noch nicht.

4. Den automatischen Betrieb kann ich erst wieder einschalten, wenn der Rangierzug aus NOU verschwunden ist. Bis dahin muss ich alle S-Bahnen die auf Gleis 3 verkehren von Hand durchstellen, ja nicht vergessen (ich habe noch fünf andere Bahnhöfe zum überwachen) sonst gibt es Verspätungen. Dabei muss ich unbedingt beachten, das der Rangierzug Stillstand hat (was ich per Funk nachfragen muss), sonst könnte er die S-Bahnen gefährden, da er keine Zwergsignale hat. Die grösste Falle (in die ich 2x getappt bin) lauert also am Schluss.

Sollte ich die Prüfung bestehen werde ich NOU einmal einen Besuch abstatten und ihm den Finger zeigen, oder zwei.

Fahrtenbuch Teil 4: Die Lieblingsfrage

„Bereust du es schon?“ Spätestens als Zweites wird mir diese Frage gestellt. Meine Antwort darauf ist immer noch: „Nein.“ Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Grundsätzlich möchte ich im Moment wirklich nichts anderes machen, aber die Herausforderung ist doch grösser als ich zuerst angenommen habe. „Tut dir ja gut, dann kommst du ein wenig aus deiner Komfortzone!“ Ein wenig ist gut.. Vor jedem Sektortag (wenn ich jeweils mit einem Instruktor „richtig“ zusammen arbeite) fühle ich mich wie vor einem Bewerbungsgespräch. Meistens ist es eine neue Person die mich instruiert, und sie sind (nett ausgedrückt) unterschiedlich motiviert dir etwas beizubringen. Das geht von „Willkommen im Sektor Mittelland, cool bist du da!“ bis „Was willst du jetzt auch noch hier? Für dich habe ich jetzt gar keine Zeit!“ Wie ihr seht ist die Kommunikation meistens ziemlich straight forward, was in diesem Beruf ja auch Sinn macht. Für mich ist es ein ziemliches Umgewöhnen nach zwanzig Jahren pädagogisch politisch korrekt verpackten Konversationen (die übrigens genau so unter die Gürtellinie zielen können, aber einfach viel netter klingen). Aber trotz allem werde ich in kleinen Schritten immer sicherer, auch wenn es immer noch so viele Details gibt, an die man denken muss. Immer top konzentriert sein und auch wenn es hektisch wird den Überblick behalten, das ist eine rechte Challenge. Langsam dämmert es mir, warum ich am Schnuppertag nur mit einem Lehrling im Simulator war und nicht zur Rushhour im Sektor Mittelland. Ich hoffe jedenfalls, das ich in diese Aufgabe hineinwachse. Trotz allem versuche ich, es zwischendurch auch zu geniessen und mir nicht zuviel Druck zu machen. Selbst wenn es am Schluss nicht klappen sollte, waren es zumindest spannende acht Monate, die ich nicht bereut habe.