Fahrtenbuch: Was hat die Nacht mit dem Schlaf zu tun? Teil 2

Eine Regel gilt für alle Schichten, für die Nacht im Besonderen: Es gibt nichts was es nicht gibt. Es folgen Erlebnisse aus der 2. Nachtschichtwoche und eure Fantasie ist gefragt! Bevor ihr nach den Untertiteln weiterliest, könnt ihr euch überlegen was passiert sein könnte.

Von der Polizei bewachter Schotter

Bei einer Baustelle hatte eine Gleisbaumaschine einen Defekt. Die Panne konnte relativ rasch behoben werden, aber dabei liefen ca. 20 Liter Öl in den Schotter aus. Das löste eine Kaskade von Massnahmen aus, schliesslich stand der Gewässerschutz Pikett des Kantons Aargau (den gibt es wirklich) auf Platz, der wiederum die Kantonspolizei aufbot, um das korrekte Ausschaufeln und Entsorgen des kontaminierten Schotters zu überwachen. Die Bauarbeiten konnten in dieser Nacht nicht mehr aufgenommen werden.

Händchenhalten für Lokführer 50922*

Bei Schichtantritt bekamen wir die Info, das Zug 50922 in Däniken Rangierbahnhof ausnahmsweise nicht von Seite Olten sondern von Seite Zürich an seine Wagen anfahren soll. Sein Fahrweg war im Zugleitsystem schon korrekt eingegeben und der Lf wurde informiert. Trotzdem rief er mich vor der Einfahrt in den Rangierbahnhof an und wiederholte die Anweisung nochmals. Doppelt hält besser dachte ich, kein Problem. 5 Minuten später klingelt es schon wieder. „Also gell, ich muss von Seite Zürich her anfahren“ – „Ja ist schon eingestellt“ – „Kannst du gerade dranbleiben? Ich habe hier schon schlechte Erfahrungen gemacht.“ – „ähhm ja, klar, sicher“. Und so bleibe ich weitere 5 Minuten in der Leitung und schaue, wie der rote Strich von Zug 50922 im Rangierbahnhof bis an sein Ziel fährt. Händchenhalten per GSMR.

Zwergsignal X51 lässt dich nicht hängen

Als 50922 an seine Last anfuhr, ragte seine Lok leider über das Ausfahrsignal hinaus. Als er abfahren wollte, konnte er dementsprechend das Signal nicht sehen. *Dring..* „Du also, ich kann das Signal nicht sehen. “ – „Das Signal geht so eh nicht auf Fahrt, aber ich kann dich rangiermässig ins Gleis zwo nehmen und ab dann geht es normal mit Hauptsignalen weiter“ – „Ja aber ich sehe das Zwergsignal nicht“ – (Ich stelle die Fahrstrasse ein) – „Zwergsignal X-Ray 51 zeigt Fahrt“ – “ Das ist mir zu unsicher“ – „ähmm“ – “ Ich gehe schnell nach hinten und schaue nach ob es Fahrt zeigt“ – “ ähmm…“ – „Also ich habe Zwergsignal X51 gesehen, es zeigt Fahrt“ – „…“

Support vom Lokführerkollegen

Und 50922 zum Dritten. Sein Zug steht nun quer über den Rangierbahnhof und auf der Strecke Olten – Zürich vor dem Hauptsignal, das nun (wie versprochen) Fahrt zeigt. Nach zwei Minuten rufe ich ihn an: „Es ist offen, du kannst fahren“ – „Ja ich habe hier eine gelb leuchtende Anzeige im Führerstand, ich weiss nicht was die bedeutet“ – „ich leider auch nicht“ – “ ich rufe einen Kollegen an und frage ihn“ – “ ähmm (normalerweise haben sie eine Hotline für solche Fragen)“ fünf weitere Minuten vergehen (im Fahrdienst eine Ewigkeit). Ich stelle mir vor wie sein Kollege in einer lauten Bar am Samstagabend den Anruf entgegennimmt und zuerst nach draussen muss. „Also es ist anscheinend eine Fehlfunktion der Balise, die Fahrstrasse ist noch offen?“ Er steht direkt vor dem immer noch offenen Hauptsignal.

*anonymisierte Zugnummer

ADW Teil 2

Liebe Leserinnen und Leser, vielen Dank für eure kreativen Einsendungen und fürs mitmachen! Das motiviert doch für eine nächste Runde! Aber zuerst die Auflösung:

SAUF: Signal Aufrüstung (wenn es abgestürzt ist zum Neustarten)

BRUU: Barriere Raumüberwachung Umgehung (eine Notbedienung wenn die Raumüberwachung gestört ist)

Es war wirklich schwierig für die unabhängige Jury, den besten Vorschlag auszuwählen. Gewonnen hat: Schicht Arbeit Unausgeschlafen Fernbleiben von Marian, Gratulation! Dein Preis bekommst du im Laufe der Woche zugestellt.

Hier die neuen ADW, viel Spass beim Raten:

HIST

IUMG

Puffer Teil 4: Der Fehmarnbelt Fixed Link

Aktuell dauert eine Fahrt von Hamburg nach Kopenhagen 4 Stunden und 40 Minuten, Obwohl es von der Hansestadt bis in die dänische Hauptstadt nur etwa 290 km Luftlinie sind. Als Vergleich, ein TGV legt die fast 500 km Luftlinie zwischen Zürich und Paris in 4 Stunden un 17 Minuten zurück.

Der Grund dafür ist die eher ungünstige Geografie von Dänemark. Genau zwischen den beiden Wirtschaftszentren befindet sich der Fehmarnbelt. Eine 19 km breite Wasserstrasse die den direkten Weg für Landfahrzeuge unpassierbar macht. Aus diesem Grund verläuft die bestehende Eisenbahnverbindung im grossen Bogen über Schleswig, Kolding und Odense auf der Jütlandlinie.

Zwischen dem deutschen Puttgarden und demdänischen Rødby Færge, Ortschaften die sich am Fehmarnbelt gegenüberliegen, gab es bis Dezember 2019 ein Fährbetrieb, den die Personenzüge verwendeten. Diese Verbindung nannte sich die „Vogelfluglinie“.

Heinrich Bartmann, GFDL http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html, via Wikimedia Commons

Schon seit 1940 gibt es Vorschläge und für eine feste Verbindung über den Fehmarnbelt. Nach der deutschen Besetzung von Dänemark wurden vom Architekten Heinrich Bartman erste Pläne für eine feste Verbindung über den Fehmarnsund und Fehmarnbelt erarbeitet.

Erst im Jahre 1963 wurde Puttgarden mithilfe einer Brücke über den Fehmarnsund an das deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen, und in Zusammenarbeit mit der dänischen Staatsbahn DSB konnte der Betrieb der Vogelfluglinie aufgenommen werden.

Aufgrund des starken Wirtschaftswachstums der skandinavischen Staaten und ein verbreiteteres Umweltbewusstsein bei Reisenden, sind die jetzigen Transportmöglichkeiten ungenügend.

Aus diesem ergibt sich das Fehmarnbelt Fixed Link Bauprojekt, das als Herzstück den Fehmarnbelt-Tunnel beinhaltet. Eine Brücke wurde ursprünglich auch konzipiert, aber da auf dem Fehmarnbelt auch grosse Frachtschiffe verkehren, wäre diese zu kostenspielig.
Der Tunnel wird nicht wie üblich mit einer Tunnelbohrmaschine gebohrt, sondern wird als Absenktunnel gebaut. Das bedeutet, das unter Wasser ein breiter Graben gebaggert wird, in diesen dann später vorgefertigte Tunnelsegmente eingefügt werden. Schlussendlich werden die Segmente wieder verdeckt.

Bild Femern A/S

Diese Bauweise ermöglicht unter anderem die geringe Nähe zum Meeresboden. Dies ist ein wichtiger Aspekt, da Steigungen für Eisenbahnlinien nur sehr gering möglich sind im Vergleich zur Strasse. Bei einem gebohrten Tunnel wäre es notwendig, diesen viel tiefer unter dem Meeresgrund zu bauen.
Auch ein wichtiger Aspekt ist die Breite des Tunnels, da dieser zwei Strassentunnels, eine zweispurige Eisenbahnstrecke und einen Zugangstunnel für Wartung und Rettung beinhaltet. Die Absenkvariante ist in diesem fall viel kosteneffizienter, da mit einer Tunnelbohrmaschine mehrere pararelle Bohrungen nötig wären.

Die Kosten des Tunnels, die das dänische Königreich zu 100% übernimmt, werden auf  7,1–7,4 Milliarden Euro geschätzt.

File:Fehmarn-bridge.svg: Bowzerderivative work NordNordWest, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Hier in rot erkennbar ist die geplante neue Route nach Kopenhagen. Neben dem Fehmarnbelt-Tunnel wird auch die bestehende Strassen- und Eisenbahninfrastruktur aufgewertet, unter anderem mit der Elektrifizierung der Strecke Lübeck – Puttgarden. Die Fahrzeit für Personenzüge will man insgesamt auf 2.5 Stunden reduzieren.

Der Spatenstich auf dänischer Seite fand am 1. Januar 2021 statt.
Nach aktuellen Prognosen will man das ganze Bauvorhaben bis 2029 mit der Inbetriebnahme abschliessen.

Fingers Crossed!

PS: Der ETCS Beitrag kommt als nächstes.

Fahrbereitschaft Teil 6: Schichtende absehbar

Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl, wenn ihr innerlich schon mit etwas abgeschlossen habt, aber trotzdem noch die Contenance bewahren müsst? So erging es mir in den letzten sechs Monaten an meiner alten Arbeitsstelle in Solothurn. Plötzlich waren Fragen wie: Wann schicke ich meine Kündigung ab? Welche Bücher gehören mir? Wo war schon wieder der geheime Whisky-Vorrat? viel wichtiger als das Tagesgeschäft. Zur ersten Frage habe ich lange hin und her überlegt. Schlussendlich entschied ich spontan am Montag nach der Vertragsunterzeichnung das Team in der 10i Pause zu informieren. Präventiv habe ich drei Kollegen schon vorgewarnt, da ihre weitere Lebensplanung von meinem Entscheid eventuell tangiert werden könnte. Sie waren zwar traurig (oder haben wenigstens so getan), aber haben sich von meiner beruflichen Neuausrichtung nicht beirren lassen. Richtig so. Der Rest des Teams war ziemlich überrascht, ihre Reaktionen verursachten dann doch ein schlechtes Gewissen bei mir. Zum Glück gingen mit Yussuf und Boran in der folgenden Lektion dermassen auf den Sack, dass es schnell wieder verflog. Zwischendurch fiel es mir wirklich schwer, mich noch zu motivieren. Die Kaffepausen dauerten zugegebenermassen immer wie länger, dafür nahm ich es meist ein wenig relaxter. Davon profitierten Yussuf und Boran wiederum. Obwohl ich immer noch auf ihr Abschlussprotokoll der Projektarbeit warte…

Mein ursprünglicher Plan wäre es gewesen, mich von August bis Oktober hauptsächlich der Verbesserung meiner feinmotorischen Fähigkeiten zu widmen. Leider wurde dieser Plan von der Belegschaft des Dammwegs 36 und unserem Budget einstimmig verworfen. So machte ich mich auf die Suche nach einem Stellvertretungsjob. Da bemerkte ich schnell, dass der Wind sich gedreht hat. Musste ich bisher dutzende Bewerbungen schreiben, hoffen und bangen, konnte ich nun aussuchen wo ich arbeiten wollte. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich hätte sogar eine Stelle in einer Klasse zur besonderen Förderung an der Unterstufe bekommen, obwohl ich davon keine Ahnung habe und das beim Gespräch auch erwähnte. Interessant war auch ein Schulleiter, der sich erst nach einer Woche bei mir meldete und es sehr bedauerte, dass ich schon eine Stelle gefunden hatte. Am nächsten Tag las ich exakt von ihm ein Interview in der Zeitung, wo er sich über den Lehrermangel beklagte. Kritisch BAZ. Anscheinend weht der neue WInd noch nicht in allen Lehrerzimmern. In Kirchberg fand ich schlussendlich eine passende Stellvertretung und traf dort sehr nette und hilfsbereite Leute an. Eine gute Wahl, im wahrsten Sinne des Wortes.

ZSU, NHR, HIST und AZGG

Die Welt der SBB im Allgemeinen und des Fahrdienstes im Speziellen besteht zu einem grossen Teil aus Abkürzungen. Einige sind logisch auf den ersten Blick, andere könnten gerade so gut chinesische Schriftzeichen sein. Es würde keinen Unterschied machen. Um Euch, meine lieben Leser*innen diese Welt ein wenig näher zu bringen, gibt es im Blog eine neue Kategorie, die Abkürzungen der Woche. Nachher seid ihr an der Reihe: Schreibt eure Vermutung (was verbirgt sich dahinter?) oder einfach einen kreativen Vorschlag in die Kommentare. Der beste oder exakteste Kommentar wird mit einer Schoggi aus dem Berner Jura belohnt. Falls meine ZVLA Gspänli hier mitlesen, bitte keine Spoiler hinschreiben. Ich weiss, dass ihr es wisst. Übrigens, wenn euch Abkürzungen gar nicht liegen, empfehle ich den VGA (Verein gegen Abkürzungen). Also los gehts, mit den Abkürzungen der Woche (ADW):

SAUF

BRUU

Fahrtenbuch: Was hat die Nacht mit dem Schlaf zu tun? Teil 1

Im Kommandoraum der BZ Mitte herzlich wenig. Das würde ich John Milton, seines zeichens englischer Dichter, aus den Erfahrungen der letzten Tage antworten. Sinnvollerweise beinhaltet unser Ausbildungsplan zwei mal eine Nachtschichtwoche, die erste ist soeben zu Ende gegangen. Weniger sinnvoll war die Planung, zeitgleich fanden noch Instruktionen für die frisch gebackenen Fahrdienstleiter statt. So blieben nicht mehr viele Arbeitsplätze übrig. In der ersten Nacht wurde ich regelrecht herumgeschoben, und landete für die letzten vier Stunden in Olten Nord. Auch das nur semi intelligent, weil dieser Knotenpunkt recht komplex ist und wir nicht sehr viel ausrichten können mit unserem Bildungsstand. Schlussendlich sollte es sich aber als Glücksfall erweisen, ich sass neben dem erfahrenen Fahrdienstleiter Andreas und wir kamen schnell ins Gespräch. Er bat mir an, ihn in der nächsten Nacht ins Freiamt im Sektor Aare zu begleiten, dort könne ich definitiv mehr machen. Meine Schulkollegin Paula schaute am nächsten Abend ziemlich verwirrt drein, als ich in „ihrem“ Sektor Platz nahm. Andreas sollte Recht behalten. In Lupfig, Othmarsingen, Brugg und Dottikon wurde bis in die frühen Morgenstunden rangiert. Zu Beginn hatte ich Mühe, mich in all den neuen Bahnhöfen zurechtzufinden. Dafür ging die Zeit vorüber. Müde aber zufrieden machte ich mich mit unserer Biene auf dem Heimweg. Dank den leeren Strassen schaffte ich es von Olten in 45 Minuten nach Hause, neuer Rekord! Zum Glück stellt die Kantonspolizei Solothurn die Blitzer immer am selben Ort auf..

Die weiteren drei Tage war ich in der Önz eingeteilt, Olten-Rothrist bis Langenthal. Nach halb elf wurde es auch hier ruhig. Dafür gab es ein paar Baustellen zu sichern, das konnte ich schon selbstständig machen. Kniffliger waren die Fahrleitungsschaltungen, die bereiten mir immer noch Kopfzerbrechen. Bei einer Schaltung hatte auch mein Instruktor Fabio Fragezeichen, ob unsere Sicherung korrekt sei. Am Schluss konnte unser Disponent (quasi der Chef im Sektor) das Rätsel von Schalter sechs lösen und der Bautrupp konnte pünktlich anrücken.

Die grosse Herausforderung in der Nachtschicht ist es, vom reinen Überwachen zur vollen Aufmerksamkeit zu wechseln. Als passendes Beispiel dazu: In Rothrist meldete sich Sicherheitschefin Vreni, um mit einem Schienenbagger zu rangieren. Sofort sprang bei Fabio und mir die Alarmleuchten an. Ein solches besonderes Fahrzeug muss angemeldet und sein Fahrweg speziell gesichert werden. Auf unserem Stellwerk wird es nicht korrekt angezeigt, da der Achsenabstand zu gering ist. Es könnte überall und nirgends sein und wir würden nicht bemerken, ob wir einen Zug oder Rangier in seine Fahrbahn stellen. Umgehend sicherten wir das Gleis auf dem Vreni mit ihrem Gefährt stand, und gaben ihr leicht genervt eine Instruktion für das nächste Mal. Wenigstens war ich danach wieder hellwach und konnte einen Kaffee auslassen.

Fahrtenbuch Teil 8: Simulatortag

Obwohl wir regelmässig im Sektor arbeiten, sind wir wenns interessant oder spannend wird meist aussen vor. „Sorry, das muss ich jetzt machen, rutsch rüber.“ heisst es dann verständlicherweise. Es muss schnell gehen und dann bleibt keine Zeit für Erklärungen. So wie letzte Woche, als bei der Ausfahrt in Solothurn auf der Aarebrücke ein Schwan den Zugverkehr lahmlegte. Der Lokführer hat ihn dann mit einer Stange verscheucht (übrigens sei das kein Einzellfall sondern trägt die inoffizielle Bezeichnung Schwanensee in Solothurn). Wie können wir nun den Ernstfall üben? Dazu gibt es Simulatortage im LTS (Lern- und Trainingssimulator). Wie so ein Tag abläuft möchte ich euch gerne näher bringen.

Das Datum 24.6.2021 verfolgt jeden ZVLA bis in seine Träume, das ist der sich immer wiederholende Tag des Simulationsprogramms. In diesen Träumen fahren wir durchs Rheintal, durch die March dem Walensee entlang bis nach Chur, das Gebiet des LTS. Obwohl landschaftlich sehr schön, würde keiner von uns geschenkt in diese Regionen ziehen, zuviel Blut Schweiss und Tränen sind damit verbunden, zumindest metaphorisch. Die Arbeitsplätze sind wie in echt, dienen sie auch als Reserve wenn beispielsweise die BZ in Lausanne ausfallen würde.

Zu Beginn jeder sogenannten Fahrplanrunde bekomme ich einen Abschnitt zugewiesen und habe noch ein paar Minuten Zeit, mich einzurichten. Bald schon klingelt das Telefon und ein fiktiver Lokführer, Sicherheitschef oder Rangierleiter meldet sich und möchte etwas von mir oder meldet eine Störung. Nach vier Monaten muss ich nicht mehr panisch nach dem passenden Bahnhof suchen und auch der laufende Fahrplan wirkt nicht mehr so bedrohlich. Die Versuchung ist jeweils gross, sofort zu reagieren und die Aufgabe möglichst schnell abzuhandeln, schnell geht dabei eine Sicherung oder ein Checklistenpunkt vergessen. Vom Ausbilder wird alles peinlich genau dokumentiert, sich rausmogeln geht nicht. Also zuerst einmal durchschnaufen, wir haben oft ein wenig mehr Zeit als in der Realität. Meist lohnt es sich, zwei mal zu überlegen, weil es manchmal auch eine einfachere Lösung gegeben hätte. Stressig wird es, wenn etwas nicht funktioniert, ich einen schweren Fehler produziere oder mich verhasple. Die Züge stauen sich, die Verspätungen greifen auf die Bereiche meiner Kollegen*innen über und in all dem Durcheinander übersehe ich die offensichtlichsten Angaben oder Hinweise. Schnell sehe ich eine Welle nach der anderen auf mich zukommen und die nächsten Fehler sind die Folge. Wenn es gut läuft ist es dafür ein sehr schönes Gefühl, wie früher als man Marienkäfer – Kleberli für eine gute Hausaufgabe bekommen hat. Doch manchmal trügt der Schein. In der anschliessenden Besprechung in der Kleingruppe werden alle Fälle bis ins Detail seziert und ausgewertet. Hier geht es nicht um das öffentliche Blossstellen, sondern das wir aus Fehlern lernen können. Die Ausbilder*innen sind sehr direkt und ehrlich, nichts wird schöngeredet oder zurechtgebogen. Manchmal suchen sie mir zufest nach dem Haar in der Suppe (es gibt immer eines), aber meistens sind wir motiviert, es das nächste Mal besser zu machen. Danach folgt die persönliche Reflexion und Dokumentation. Nach 4-5 Fahrplanrunden bin ich jeweils fix und foxi und bin froh, dass ich nach der Prüfung nie mehr das Rheintal bedienen muss.

Ein Auszug meiner Dokmentation, meistens mit Tendenz zum Besseren

Fahrbereitschaft Teil 5: Bitte warten sie in den zugewiesenen Sektoren

Bitte warten… nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. Doch vom bestandenen Eignungstest bis zum finalen Entscheid sollten nochmals drei Monate vergehen. Als letzte Hürde stand der Schnuppertag in der BZ Olten an. „Was soll jetzt noch gross schiefgehen?“ wurde ich oft gefragt. Alles! Meine Erfahrung aus dutzenden Bewerbungsprozessen hat mich Eines gelehrt, es ist erst entschieden wenn die Tinte auf dem Vertrag trocken ist. Obwohl Personalentscheide eines der heikelsten Themen jedes Unternehmes oder jeder Schule sind, wird ihnen oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Satzbehälter der Kaffeemaschine wird zuweilen mehr Sorge getragen als zu Bewerbungen. So konnte der Schnuppertag nicht schnell genug kommen. Eine Woche vor dem Termin erhielt ich einen Anruf, ob es mir möglich wäre meinen Termin zwecks dringender Kandidaten zu verschieben. Da ich ja erst im Oktober beginnen würde, war das ein durchaus legitimes Anliegen. Als Meister des Zen Buddhismus und geübt in Geduld stimmte ich natürlich sofort zu. Selbstverständlich macht es mir nichts aus, noch einen Monat länger zu warten. Nein kein Problem. Ja gerne geschehen. Obwohl ich vielleicht ein wenig Goodwill gewonnen hatte (ich redete es mir zumindest ein) fluchte ich wie ein Rohrspatz als ich aufgehängt hatte. Bitte warten.

Dann war es endlich soweit, am 10.2.22 stand mein Schnuppertag an, den ich glücklicherweise trotz Corona Restriktionen absolvieren konnte. Dezent nervös wartete ich am Empfang und wurde von Yara pünktlich abgeholt. Ich muss gestehen, dass ich vom ersten Teil der Führung durch die BZ nicht allzu viel mitbekommen habe. Ob es an den vielen neuen Eindrücken oder an Yara lag, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei eruieren. Als wir durch den Kommandoraum eine Runde drehten, dämmerte es mir langsam, dass ich in einem Jahr vielleicht genau hier sitzen werde. Ich versuchte angestrengt, meine Vorfreude im Zaum zu halten und stellte viele schlaue Fragen. Im 2. Teil erhielt ich von ZVLA Simon eine Einführung ins Iltis System im Simulator und auch er wurde mit schlauen Fragen gelöchert. Zum Abschluss folgte nochmals ein Gespräch mit einem möglichen zukünfitgen Teamleiter und ich hatte den Eindruck, dass wir uns recht gut verstanden haben. Er spiegelte mir diesen Eindruck auch zurück und vertröstete mich auf nächste Woche, dann sollte ich den definitiven Entscheid erhalten. Bitte warten.

Am Hangover- Montag nach dem Superbowl rief mich Eline an: „Wir würden dich sehr gerne als ZVLA bei uns anstellen, bist du dabei?“ – „Ja klar!“ brachte ich gerade noch so heraus. Wir besprachen noch ein paar Formalitäten und nach zwei Minuten und zwei Sekunden waren die Weichen für meinen neuen beruflichen Weg gestellt. Natürlich freute ich mich riesig aber gleichzeitig fühlte ich auch eine grosse Leere nach dieser ganzen Anspannung. Das war eine sehr spezielle Erfahrung. Dieser Entscheid wurde mit meiner Familie natürlich gebührend gefeiert. Hatten speziell sie auch einen grossen Anteil daran, dass es überhaupt möglich wurde. Während eines feinen Znachts auswärts versuchte ich die kommenden Veränderungen für unser Familienleben zu skizzieren, die in der Euphorie aber untergingen. Ich habe es versucht. Nach einer Woche kam der Vertrag und als die Tinte trocken war, hiess es wieder einmal: Bitte warten.

Prellbock Teil 5

Dinge aus meinem alten Beruf die ich höchstwahrscheinlich nie mehr machen werde Teil 5:

An der Teamsitzung 30 min über den Untergang des Abendlandes diskutieren / sich das Gejammer der Hauswirtschaftslehrerin anhören, weil die Jugendlichen nicht mehr wissen welche Früchte wann Saison haben / Stellvertretungen selber organisieren während man mit Grippe und 39,5+ im Bett liegt / das Gelaber des „ich weiss es besser als die Kursleitung“ während Weiterbildungen ertragen / Fötzelä / neidisch auf das Schoggileben der Sport- und Gestaltungslehrer sein / Runde Tische mit Schulleitung, Klassenlehrerin, Therapeuten, dem Goldhamster und dem Kind leiten / den hochtoxischen Chemieschrank um den sich 10 Jahre Jahre lang niemand gekümmert hat fachgerecht entsorgen / Schüler während einer Theatervorstellung ruhig stellen, die ich selber schlecht finde / Lagerbeiträge, Schulreisegeld und Budgets im Umfang eines mittelgrossen Betriebes verwalten / Realisieren, dass die Performance des Hedgefonds (in den ich all dieses Geld investiert hatte) nicht das gehalten hat, was er Anfangs versprach / einen Grossteil aller Lehrerausflüge, Weichnachtsessen und Apéros aus dem eigenen Sack bezahlen

Aber auch: Nie mehr an der Sek-1 Game-Night gegen meine Kollegen*innen Mario Kart fahren

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Fahrtenbuch Teil 7: An der langen Leine

„Hallo, nimm gerade Platz!“ verwirrt verneine ich die Aufforderung des Kollegen. Verwirrt darum, weil verschiedene Dinge nicht sind wie sie sein sollten. Es ist mein vierter Tag in Serie derselben Schicht im Abschnitt Gäu/Weissenstein. Normalerweise ist nur ein Arbeitsplatz online weil beide Bereiche zusammengefasst sind, aber nun laufen beide separat. Am meisten aus dem Konzept bringt mich der Arbeitsplatz mit nur einem Stuhl, arbeite ich doch immer mit einer Begleitung neben mir. „Ähmm das ist ein Missverständnis, ich bin erst seit Oktober hier und kann noch nicht alleine arbeiten weil ich…“ – „Ja so lernst du es, du nimmst das Gäu und ich Weissenstein, keine Bange ich höre immer noch zu wenn etwas ist.“ erwiedert Instruktor Dario. Er steckt das längere Telefonkabel ein und zieht es bis zu seinem Arbeitsplatz. „Was machst du denn da?“ versucht abermals mein Verstand einzuwenden. Zu spät. „Du kannst das, du wirst sehen es macht sogar Spass“, sagt Celine die neben mir im Önz sitzt. Es ist allgemein schwierig, einer Frau zu widersprechen und so bete ich zu jedem (oder jeder) der zuhört, dass sie recht hat.

Nachdem ich die anfängliche Nervosität überwunden habe merke ich, dass ich mich schon besser zurecht finde als Anfangs Woche. Ich muss nicht mehr alle Gleise aufschreiben sondern kann zuerst mal zuhören und muss nur das Nötigste notieren. Trotz der Kälte und Regen sind sämtliche Rangierleiter heute Abend bester Laune und als ob sie es wüssten, sind sie besonders nett zu mir. Sie sprechen langsam und deutlich und müssen sich nur zwei mal wiederholen. „Kann ich den schicken?“ frage ich Dario als ein Rangier in Oensingen einmal quer über den Bahnhof möchte. „Das kannst du entscheiden.“ Lange überlegen ist meistens nicht drin, so werfe ich innerlich eine Münze und stelle die Fahrstrasse ein. Es reicht locker und ich bin froh den IC5 nicht ausgebremst zu haben. Dario hat bei mir exakt die Schwelle zwischen Unter- und Überforderung gefunden und so werden es die intensivsten, aber auch besten Stunden im Sektor. Ich bemerke erst, dass die Schicht zu Ende ist als die Ablösung kommt.

Auf dem Nachhauseweg kommt mir eine Vorlesung aus meinem nicht sehr erfolgreichen Psychologiestudium in den Sinn. Die Theorie des Flow von Mihaly Csikzentmihalyi. Er interviewte Sportler, Künstler, Denker und fragte sie zu Beginn immer diesselbe Einstiegsfrage: „Was erlebst du wenn es wirklich gut läuft?“ Seine Vermutung war, das die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen würden, aber er irrte sich. Der Inhalt der Antworten folgte einem Muster. Die Probanden beschrieben ein Erleben, in dem man voll in dem aufgeht, was man gerade tut. Ein reizvoller Zustand, in dem das Handeln selbst motiviert — und die Belohnung danach keine Rolle spielt. (Quelle nowtation.com) Danke Dario für mein Flow-Erlebnis!

Flow Theorie